Der See der wilden Gänse

Für sein „Feuerwerk am helllichten Tage“ holte Diao Yinan auf der Berlinale 2014 den „Goldenen Bären“. Mit seinem rasanten Arthaus-Action-Thriller „Der See der wilden Gänse“ ging der Chinese im Vorjahr in Cannes leer aus. Dabei bietet diese clever konstruierte Gangster-Geschichte um einen Polizistenmord ein furioses Feuerwerk visueller Ideen, das zum Staunen einlädt. Die „Ein Mann wird gejagt“-Story ist dabei zweitrangig. In diesem Neo-Noir zählt vor allem die vollendete Form: Von hübschen Zeitsprung-Pirouetten bis zur opulenten Optik, die optimal für Wow-Effekte sorgt. Etwa jene nächtliche Square-Dance-Szene, bei der feiernde Chinesen mit neonleuchtenden Sohlen zum deutschen Schlager „Dschinghis Khan“ tanzen – bis Panik den surrealen Bilderreigen explodiert lässt.

Website: www.eksystent.com/see-der-wilden-ganse.html

China, Frankreich 2019
Regie: Diao Yinan
Darsteller: Ge Hu, Chloe Maayan, Gwei Lun Mei
Filmlänge: 113 Minuten
Verleih: eksystent distribution filmverleih
Kinostart: 27. August 2020

FILMKRITIK:

Wann verliert selbst der coolste Motorradfahrer den Kopf? Der überraschende Coup sei hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Zwei rivalisierende Gangs wollen ihr Territorium neu aufteilen. Wer am entscheidenden Abend die meisten Mopeds und Roller stehlen kann, geht als Platzhirsch hervor. Atemlos durch die Nacht brausen die Gangster mit ihren geklauten Krafträdern davon, illuminierte LED-Ketten sorgen für grotesken Glanz auf den regennassen Straßen. Die Lage eskaliert unerwartet, als Gangster Zenong Zhou versehentlich einen Polizisten erschießt. Die Staatsmacht reagiert mit massiven Ermittlungen. 300.000 Yuen Belohnung werden als Kopfgeld ausgesetzt. Bei solch einer Summe machen sich selbst die Mitglieder der eigenen Gang auf die Suche nach ihrem Anführer. Für den Flüchtigen läuft die Zeit davon. Doch längst entwickelt er einen raffinierten Plan, für dessen Umsetzung er allerdings die tatkräftige Hilfe der hübschen Prostituierten Liu benötigt. Die Lady ist nicht nur attraktiv, sondern zudem erstaunlich durchsetzungskräftig.

Lineare Erzählweisen gelten spätestens seit Streaming-Serien-Zeiten als altbacken. Der chinesische Berlinale-Gewinner Yinan setzt bei seinem Actionthriller gleichfalls gern auf angesagte Zeitsprung-Pirouetten. Zur Ouvertüre lässt er seinen tragischen Helden in regennasser Nacht mit einer mysteriösen Dame plaudern. Das „Who is Who“ wird sich erst langsam entblättern. Derweil der Zuschauer noch etwas ratlos zurückbleibt, herrscht im nächsten Schauplatz beste Stimmung: Bei einem fröhlichen Ganoven-Workshop erfahren künftige Diebe, wie man am besten Motorräder mopst. In schäbigen Seminarräumen bereit unterdessen die Polizei Maßnahmen vor, einen Mörder zu finden. Wie, wann und wo diese Tat geschieht, wird erst später verraten. Als weiteres Puzzelstück im Thriller kommt die Gattin des Gangsterchefs ins undurchsichtige Spiel. Jene umgerechnet fast 40.000 Euro Kopfgeld könnten schließlich für allerlei Verräter als Verlockung gelten.

Verlockender als die Story ist für den asiatischen Autorenfilmer allemal der Stil. Sein visuelles Feuerwerk bietet Schauwerte der spektakulären Art zum Staunen. Da leuchten wundersam, fast poetisch, die durch Mündungsfeuer angestrahlten Augen wilder Tiere im nächtlichen Zoo, als es dort zum Schusswechsel kommt. Mit verängstigtem Blick verfolgen Flamingos, Pinguine sowie ein Tiger den Showdown der Cops in Zivil. Noch eindrucksvoller gerät die große Schießerei auf dem Rummelplatz, wo fröhliche Tänzer mit leuchtenden Schuhen zur Musik von „Boney M.“ und „Dschinghis Khan“ ihren Square-Dance aufführen. Kaum beginnt der Kugelhagel, flüchten blinkende Sohlen in allen Richtungen davon. Die Gratwanderung zwischen grausam und grotesk gelingt nicht nur bei der Choreografie solcher Massenszenen. Auch ein tödlicher Zweikampf überrascht mit dem Einsatz eines schlichten Regenschirms als ziemlich bestialische Waffe: Der Mord im Slapstick-Modus! In dieser lässigen Comic-Auflösung liegt der sympathische Unterschied zur klammen Coolness eines Nicolas Winding Refn und seiner voyeuristischen Gewaltorgien.

Dieter Oßwald