Der seltsame Klang des Glücks

Wenn man Glück in Töne übertragen könnte, wie würde es klingen? Für den italienischen Regisseur Diego Pascal Panarello wäre es der ebenso exotische wie melodische Klang eines ganz besonderen Instruments: der Maultrommel. In der Doku „Der seltsame Klang des Glücks“ begibt er sich auf eine außergewöhnliche Reise ins tiefste Sibirien, um der Geschichte und der Wirkung dieses uralten Instruments näher zu kommen.

Webseite: arsenalfilm.de

Deutschland, Italien 2018
Regie: Diego Pascal Panarello
Länge: 89 Minuten
Kinostart: 31. Oktober 2019
Verleih: Arsenal

FILMKRITIK:

Sie hat merkwürdiges Aussehen, ist vor allem in Eurasien verbreitet und gibt ungewöhnliche Klänge von sich: die Maultrommel. Seit einem Traum ist sich der aus Sizilien stammende Filmemacher Diego Pascal Panarello sicher: Das kleine Instrument ist der Schlüssel zum persönlichen Glück. Doch wo liegen ihre Ursprünge und vor allem: Wie wird sie richtig gespielt? Um das zu erfahren begibt sich Panarello auf eine Reise nach Jakutien in Sibirien, um dort ein Volk zu besuchen, für das die Maultrommel eine zentrale Bedeutung im Leben einnimmt. Dort weiht man ihn über die Geheimnisse des Instruments ein. Der Beginn einer tiefgründigen, inneren Sinn- und Spurensuche.

 „Der seltsame Klang des Glücks“ dokumentiert die sehr persönliche Reise eines Mannes, der den Mysterien eines Instruments nachspürt, das zum Beispiel in Deutschland viele gar nicht mehr kennen. Denn hierzulande ist die Maultrommel-Tradition beinahe ausgestorben. Hersteller gibt es fast keine und in der deutschen Folklore-Musik findet sie kaum mehr Verwendung. Ganz anders verhält es sich an jenem Ort inmitten Jakutiens (im nordöstlichen Teil des asiatischen Russlands gelegen), an dem Panarello mit viel Interesse und beinahe kindlicher, sich unmittelbar auf den Zuschauer übertragenden Neugier mit seinen „Recherchen“ beginnt.

Panarello trifft auf einige der weltbesten Maultrommel-Spieler (die „Meister“), ist dabei, wenn diese die (spirituelle) Wirkung ihres geliebten Instruments reflektieren, besucht Maultrommel-Unterrichtstunden für Kinder und versucht sich natürlich auch selbst an dem Instrument. Das Spannende an „Der seltsame Klang des Glücks“ ist nun, dass der Filmemacher nicht einfach nur trockene, nüchterne Fakten und Infos über die Maultrommel und ihre Geschichte sowie Spielweise präsentiert. Diese schlicht über die Off-Kommentierung zu vermitteln erschien Panarello zu belang- und einfallslos.

Wenn zum Beispiel eine Kindergärtnerin den Kindern auf spielerische Art die richtigen Techniken und den korrekten Umgang mit der Maultrommel vermittelt, fungieren seine Protagonisten vielmehr ganz beiläufig und in ihren alltäglichen Rollen als Informationslieferanten. Ein erfrischender Ansatz.
Darüber hinaus vermengt der Regisseur geschickt Humor und Poesie. Für den sympathischen Witz sorgt er durch seine ebenso offenen wie selbstironischen Kommentare oft selbst, aber auch die lakonische, schrullige Art der erfahrenen Meisterspieler mit all ihrer Altersweisheit und ihren aufschlussreichen Bemerkungen sorgt für Schmunzler. Poetisch wird es, wenn der Film die großen, universellen Themen sowie komplexen Fragen des Lebens thematisiert. Was ist Glück überhaupt? Wie lässt es sich definieren? Wie erreicht man das vollkommene, allumfassende Lebensglück?

Panarello überträgt die Erkenntnisse, die er im Rahmen seiner ereignisreichen Reise gewinnt, auf diese Inhalte bzw. Fragestellungen – und findet so tatsächlich zu interessanten, neuartigen Bertachtungsweisen und Perspektiven. Passend dazu liefert er, gerade zu Beginn, verspielte Animationen und verträumt, fast tranceartig wirkende Visualisierungen des Gesagten, wobei hier meist jenes Instrument im Mittelpunkt steht, das für Panarello aufgrund des sphärischen Klangs in der Lage ist, „eine direkte Verbindung ins Weltall und zum Universum herzustellen.“

Björn Schneider