Der Sommer mit Mamã

Mit viel Schwung und Leichtigkeit erzählt die brasilianische Komödie von wankenden Weltbildern und vom Aufbruch in eine neue Zeit: Die kesse Tochter der Haushälterin Val bringt die strenge Hierarchie eines Villenhaushaltes ordentlich durcheinander. Absoluter Mittelpunkt des Films und ein echtes Kinoereignis ist Regina Casé als Val. Sie sprudelt, brodelt und schäumt vor Energie, und ihre Komik ist ebenso ansteckend wie ihre Herzlichkeit. Als sozialkritische Komödie ist der Film ein absoluter Hit. Auf der Berlinale 2015 erhielt er den CICAE-Preis und vollkommen zu Recht den Panorama-Publikumspreis als verdiente Belohnung für einen tollen Film!

Webseite: www.sommer.pandorafilm.de

Originaltitel: Que Horas Ela Volta?
Brasilien 2015
Drehbuch und Regie: Anna Muylaert
Darsteller: Regina Casé, Michel Joelsas, Camila Márdila, Karine Teles, Lourenço Mutarelli, Helena Albergaria
110 Minuten
Verleih: Pandora
Kinostart: 20.8.2015
 

FILMKRITIK:

Val arbeitet als Haushälterin in einer schicken Villa und hält selbst sehr auf Etikette und auf die ungeschriebenen, aber desto strengeren Verhaltensregeln, die für Angestellte gelten. Niemals würde Val sich ins Wohnzimmer setzen oder es wagen, auch nur den Fuß in den Swimming Pool zu stippen, ganz gleich, wie heiß es ist. Nur die Küche ist demokratisches Gebiet: Hier gehen alle ein und aus, was – wie kaum anders zu erwarten – die Küche zum gemütlichsten Raum im Haus macht.
 
Für den Sohn des Hauses, Fabinho, ist Val wie eine zweite Mutter, sie tut alles für ihn und verwöhnt ihn nach Strich und Faden, während seine vielbeschäftigte Mama Bárbara kaum Zeit für ihn hat. Vater Carlos beschäftigt sich am liebsten mit den schönen Künsten statt mit seiner Familie und lässt Val ebenfalls freie Hand. Sie hat den Haushalt fest im Griff und schuftet vom frühen Morgen bis in die Nacht.
 
Als sich unerwarteter Besuch ankündigt, wird Vals wohlgeordnetes Leben mächtig erschüttert: Ihre Tochter Jéssica kommt zur Aufnahmeprüfung an der Uni nach São Paulo und möchte deshalb ein paar Tage bei ihrer Mutter wohnen. Die beiden haben sich mehr als 10 Jahre nicht gesehen, denn Jéssica ist bei der Verwandtschaft im armen Norden Brasiliens aufgewachsen. Val hatte selten das Geld oder die Gelegenheit, ihr Kind zu besuchen. Vieles muss nun vorbereitet werden, Val springt fast im Dreieck vor Aufregung und ist glücklich, dass Jéssica mit in ihrem winzigen Kellergelass wohnen darf. Auf einer eigenen, nagelneuen Matratze, die Vals Chefin Bárbara sogar bezahlt hat!
 
Doch Jessica erweist sich keineswegs als dankbar, sondern als ziemlich aufmüpfiges, auf jeden Fall aber selbstbewusstes Mädchen, das sich erst mal selbst ins hochherrschaftliche Gästezimmer einlädt. Doch damit nicht genug: Jessica isst von Fabinhos Eis! Bald geht es in der vormals so ruhigen Villa drunter und drüber. Leidtragende sind vor allem Fabinhos Mutter Bárbara und Val. Beide Frauen sehen sich mit neuen Welt- und Lebensbildern konfrontiert, die sie an die Grenzen ihrer Nervenkraft führen.
 
Als sozialkritische Komödie ist der Film ein absoluter Hit – gute Laune garantiert! Mit viel Liebe zum Detail hat Anna Muylaert ihre Geschichte entwickelt, in der es keine Guten und keine Bösen gibt, sondern Menschen, die sich mal mehr und mal weniger geschickt verhalten, wenn es um Veränderungen geht. Vor dem Hintergrund eines spürbaren sozialen Wandels in Brasilien entwickelt sich eine angenehm lässige Story ohne jeden Holzhammer um eine konservative Hausangestellte, die selbst am lautesten die Regeln vom Oben und vom Unten vertritt – aus Gewohnheit und aus Angst um ihren Job. Regina Casé spielt die Val mit überschäumendem Temperament und viel Gespür für Situationskomik. Ihre stumme, komische Verzweiflung ist ebenso bezaubernd wie die liebenswürdige Tücke, mit der sie ihre Arbeitgeber belauscht. Nur selten erlaubt sie sich kleine Freiheiten, es überwiegt die Demut, die sie hier und da mit kleinen Gemeinheiten erträglicher macht.
 
Mit einigen unerwarteten Wendungen verhindert Anna Muylaert, dass die einfache Geschichte zur Sozialromanze verflacht. Und mit einem herausragenden Kamerakonzept gelingt es ihr, das Verhältnis zwischen oben und unten eindringlich darzustellen: Die Bilder sind oft statisch, es gibt wenig Fahrten, und die Bildausschnitte zeigen oft nur Ausschnitte von Räumen, in denen sich die Reichen und Mächtigen bewegen – so wie Val ebenfalls nur einen kleinen Ausschnitt vom großen Leben kennt und mit dem Bisschen, was sie hat, zufrieden ist. Jéssica sorgt für frischen Wind im täglichen Einerlei von Herrschaft und Dienerschaft, und wer weiß: Vielleicht hält die Zukunft ja einige Überraschungen bereit. Die Zeiten ändern sich, aber wird sich auch Val ändern?
 
"Der Sommer mit Mama" erhielt den Publikumspreis in der Sektion Panorama bei der Berlinale 2015 – vollkommen zu Recht als verdiente Belohnung für einen tollen Film!
 
Gaby Sikorski