Der Stein zum Leben

Die Aufgabe eines Steinmetzes ist es, ganz besondere Steine zu schaffen, die der Persönlichkeit eines Menschen Ausdruck verleihen. Die Rede ist von Grabsteinen. Gemeinsam mit den Trauernden übersetzt ein Steinmetz Lebensgeschichten in Stein – und macht durch seine Arbeit Aspekte wie Tod und Vergänglichkeit begreifbar. Die Doku „Der Stein zum Leben“ beobachtet einen solchen „Steinkünstler“ bei seiner komplexen, vielschichtigen Arbeit und informiert über eine Tätigkeit, die weit mehr als „nur“ ein Handwerk ist.

Webseite: www.dersteinzumleben-film.de

Deutschland 2018
Regie: Katinka Zeuner
Länge: 79 Minuten
Kinostart: 23.05.2019
Verleih: Real Fiction

FILMKRITIK:

Der 55-jährige Michael Spengler ist Steinmetz mit Leib und Seele. Ein Zirkuswagen und ein Frachtcontainer dienen ihm als Werkstatt. Zu seinen Hauptaufgaben gehören die Fertigung von Einfassungen, Grabplatten und Grabsteinen. Bis diese ihre endgültige Gestalt angenommen haben, bedarf es vieler Arbeitsschritte und intensiver Gespräche mit den Menschen, die ihn beauftragen. Es sind Personen in Trauer, die Spengler in seiner Werkstatt empfängt.

Spengler lebt und arbeitet in Berlin. Mitte der 80er-Jahre absolvierte er eine Steinmetzlehre, ein paar Jahre später schloss er ein Kunst- sowie ein Bildhauerstudium daran an. Seit fast 20 Jahren führt er sein eigenes Atelier „denkwerk“. Inszeniert wurde „Der Stein zum Leben“ von der Politikwissenschaftlerin und Filmemacherin Katinka Zeuner. Sie fungierte bei der Doku nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Kamerafrau. In ihren Filmen befasst sie sich vor allem mit Menschen, die – beruflich oder privat – ihre eigenen Wege beschreiten und hinter denen sich spannende, vielseitige Biografien verbergen.

Er wolle Grabzeichen entwickeln, so Spengler, „die in Form und Material unverwechselbar mit dem Verstorbenen in Verbindung stehen.“ Um möglichst viel über diese herauszufinden, um die persönlichen Vorlieben, die Interessen, aber genauso den Charakter und das Wesen zu ergründen, trifft sich Spengler sehr oft mit den Hinterbliebenen. Über viele Monate zieht sich der Prozess. Die Unterhaltungen mit den Angehörigen bilden dabei klar einen Schwerpunt des Films. Darin finden die Trauernden Worte, die ihren Gefühlen Ausdruck verleihen – während Spengler das Gesagte daraufhin in Größe, Material und Form verwandeln muss.

Ausführlich und ohne Scheu begleitet Zeuner all diese Schritte und hält sich mit ihrer Kamera stets sorgsam zurück. Dies trägt dazu bei, dass sich die Gespräche natürlich entwickeln, sie verlaufen authentisch. Die beobachtende Kamera scheint vergessen und völlig in den Hintergrund gedrängt zu sein. Etwa bei den Begegnungen mit einem jungen Elternpaar, das ihr Kind verloren hat. Oder bei einer Frau, die Spengler zusammen mit ihrem Sohn aufsucht. Gemeinsam beschreiben sie dem Steinmetz das Leben des Vaters, beziehungsweise Großvaters. „Der Stein zum Leben“ zeigt eindrucksvoll, wie viel Einfühlungsvermögen und Sensibilität Steinmetz wie Spengler in diesen Momenten benötigen. Dass sie mehr sind als „nur“ handwerklich Tätige und Künstler, sondern ebenso zur Trauerbewältigung beitragen – und zu einer Art verbindendem Element, einem Medium, zwischen Leben und Tod werden.

Darüber hinaus gewährt der Film auch ganz praktische Einblicke in den Arbeitsalltag dieses Berufsstands. Auch wenn dies nicht im Zentrum der Doku steht, erfährt der Zuschauer umfassend, wovon Steinmetze etwas verstehen und worin sie sich auskennen müssen: von Stil- und Gesteinskunde über Naturwissenschaften wie Mathematik und Geometrie bis hin zu Architektur, Bildhauerei und Fassadentechnik. Zeuner blickt Spengler bei den unterschiedlichsten Arbeiten über die Schulter. Beim Fräsen, Schleifen, Gravieren, Spalten und Einsetzen der Steine. Am Ende erstrahlen sie in all ihrer Pracht in der Erde, die „Grabzeichen“ Spenglers. In Stein gehauene Kunstwerke, die den Hinterbliebenen zur Erinnerung dienen und von den Verstorbenen erzählen.

Björn Schneider