Der Tod von Ludwig XIV.

Der große absolutistische Herrscher kämpft mit dem Tod: das Historien-Drama „Der Tod von Ludwig XIV.“ widmet sich den letzten, qualvollen Lebenswochen des Sonnenkönigs. Der sterbende Monarch erscheint hier so gar nicht als der strahlende, glanzvolle und vor Kraft strotzende Herrscher. Das atmosphärische, von bedrückender Stimmung geprägte Kammerspiel zeigt einen Totentanz auf engstem Raum. Und präsentiert einen herausragenden Hauptdarsteller, der den Film trägt.

Webseite: www.grandfilm.de

OT: La Mort de Louis XIV
Frankreich/Portugal/Spanien 2016
Regie: Albert Serra
Drehbuch: Albert Serra, Thierry Lounas
Darsteller: Jean-Pierre Léaud, Patrick d’Assumcao, Marc
Susini, Bernard Belin, Jacques Henric
Länge: 115 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 29. Juni 2017

PRESSESTIMMEN:

Nouvelle-Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud spielt den Sonnenkönig: Großartiger als in Albert Serras Kinodrama "Der Tod von Ludwig XIV." könnten zwei majestätische Figuren kaum aufeinandertreffen – und sterben.
Spiegel Online

FILMKRITIK:

Schmerz und Leid ereilen irgendwann auch die Mächtigsten und „Absoluten“: nach einem Spaziergang im August des Jahres 1715, verspürt Ludwig XIV. einen unerwartet starken Schmerz in seinem Bein. Die Folge: er muss das Bett hüten und versucht so gut es geht, seinen Aufgaben und Pflichten als Herrscher weiterhin nachzukommen. Die Regierungsgeschäfte machen sich schließlich nicht von allein. Allmählich verliert Ludwig aber mehr und mehr an Kraft, sein Zustand verschlechtert sich zunehmend. Um ihn herum wuseln seine Diener und Bediensteten, viele von ihnen um das Wohl des großen Monarchen besorgt. Einige aber schmieden insgeheim bereits eigene Zukunftspläne für die Zeit nach der Regentschaft  des Königs von Frankreich.

In seinem biografischen Historien-Drama konzentriert sich der spanische Regisseur Albert Serra auf die letzten Wochen im Leben von Ludwig XIV. Es ist Serras erster Film seit dem Fantasy-Drama „The story of my death“ von 2013. Der große französische Charakterdarsteller Jean-Pierre Léaud schlüpfte in die Rolle von Ludwig XIV.  Léaud arbeitete mit den wichtigsten Filmemachern der Nouvelle Vague zusammen, z.B. Francois Truffaut oder auch Jean-Luc Godard. Serra verzichtet in seinem reduzierten, kammerspielartigen Film weitestgehend auf etwas, womit Ludwig XIV. bis heute wie kein anderer Monarch in Verbindung gebracht wird: Pomp, Bombast und ausschweifende Feste.

Selten beschrieb ein Filmtitel die Handlung eines Werks besser: „Der Tod von Ludwig XIV.“. Denn genau darum und um nichts anderes geht es hier. In ausschweifender Ausführlich- und Deutlichkeit widmet sich Albert Serra dem Überlebenskampf des einst glanzvollen Herrschers, der am Ende nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Der Kinobesucher wird Zeuge seines allmählichen Zerfalls und langsamen Siechtums. Das sorgt dafür, dass der Sonnenkönig – eigentlich zum ersten Mal überhaupt in einem Film – labil und sterblich erscheint. Der von Gott gesandte und auserwählte Monarch als Mensch wie du und ich.

Die Stimmung in den dunklen Räumlichkeiten ist bedrückend und beklemmend. Eigentlich ahnt es der Hofstaat bereits: das Ende seiner Herrschaft scheint gekommen, sein Tod unmittelbar bevorzustehen. Aber auszusprechen wagt es keiner. Im Gegenteil. Verbissen klammern sich die Bediensteten, die am Bett des Sterbenden wachen, an jedes noch so kleine Detail sowie bedeutungs- und harmlose Ereignis – in der Hoffnung, dem Todkranken wieder Mut und Stärke im Überlebenskampf, einzuverleiben. So klatschen sie z.B. bei jedem Biss, den der König aus eigenen Kräften heraus erfolgreich tätigt. Das wirkt mitunter freilich wie absurdes Theater und überzogen, aber Serra übertreibt hier absichtlich. Er führt damit das oft oberflächliche, scheinheilige Leben am Hofe vor und hält diesem so den Spiegel vor.

Filme über das Leben am Hofe Ludwigs XIV., sind oft geprägt von aufwendigen Kulissen und prachtvoller Ausstattung. Nicht so „Der Tod von König XIV.“. Der Film spielt zu großen Teilen im (fensterlosen) Hinterzimmer. Draußen, vor dem Palast, erlebt das Land die letzten Sommertage, aber davon bekommen Zuschauer und Hofstaat nicht viel mit. Zwar vermitteln die Kostüme der Figuren und vor allem die beeindruckende, mächtige Perücke von Ludwig durchaus noch etwas vom Prunk und Luxus des Herrscherdaseins. Serra belässt es aber bei diesen Details und konzentriert sich nahezu ausschließlich auf den fortschreitenden Krankheitsverlauf.

Den langsamen Sterbeprozess vermag Hauptdarsteller Léaud brillant, da ungemein glaubhaft und packend, darzustellen. Kreidebleich im Gesicht und zitterig an Händen und Mundwinkeln, kämpft Léaud als sterbender Ludwig mit den kleinsten Bissen und Schritten. Und er benötigt alle paar Minuten einen Schluck Wasser. Einzig mit Hilfe seines beachtlichen Mimikspiels verleiht er dem König etwas zutiefst Fragiles und Verletzliches.

Björn Schneider