Der Verdingbub

Einem der dunkelsten Geschichte der Schweizer Geschichte nimmt sich Markus Imboden in seinem sehenswerten Film „Der Verdingbub“ an. Bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Waisenkinder, aber auch Kinder aus armen Familien auf Bauernhöfe gebracht, wo sie unter sklavenähnlichen Bedingungen schuften mussten. Imboden schildert das Schicksal dieser Kinder mit schnörkellosen, bisweilen schwer zu ertragenden Realismus.

Webseite: www.Verdingbub.de

Schweiz 2011
Regie: Markus Imboden
Buch: Plinio Bachmann, Jasmine Hoch
Darsteller: Max Hubacher, Lisa Brand, Maximilian Simonischek, Andreas Matti, Katja Riemann, Stefan Kurt
Länge: 109 Minuten
Verleih: Ascot Elite
Kinostart: 11. Oktober 2012

PRESSESTIMMEN:

Wuchtiges und cleveres Heimatkino der anderen Art.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Die Schweiz, circa 1950. In einem kleinen Sarg wird ein Kind vom Hof der Bösingers weggebracht. Ein paar Tage später bringt der Pfarrer (Andreas Matti) Ersatz. Der Waisenjunge Max (Max Hubacher) wird Frau Bösiger (Katja Riemann) übergeben, mit der Aufforderung, diesmal doch dafür zu sorgen, dass der Junge etwas länger durchhält. Dieser Hinweis kommt nicht von ungefähr, denn fortan muss Max noch vor der Schule, in die er täglich immerhin ein paar Stunden gehen darf, schwere Arbeit verrichten: Kühe melken, das Feld pflügen und alles was auf einem Hof sonst anfällt. Max macht seine Arbeit gut, sehr zur Freude des Bösingers (Stefan Kurt), der Max bald mehr schätzt, als seinen Sohn Jakob (Maximilian Simonischek). Während Max aus dem Waisenhaus geholt wurde, wurde seine Leidensgenossin, die 15-jährige Berteli (Lisa Brand), einfach aus ihrer Familie gerissen. Ihre Mutter ist Witwe und kann nur mühsam für ihre Kinder sorgen, also nimmt sie ihr der Staat in Gestalt des Pfarrers kurzerhand weg. Gemeinsam schuften die Kinder auf dem Hof und träumen von einer besseren Zukunft, einem Leben ohne Schläge, ohne dünne Suppe, ohne die Aggressionen Jakobs, der auf Max eifersüchtig ist und bald beginnt Berteli zu vergewaltigen. Ihr einziger Fürsprecher ist die junge Lehrerin Esther (Miriam Stein), die sich bemüht die Situation der Verdingkinder zu verbessern – und bei den Behörden auf taube Ohren stößt.

Es ist kaum zu glauben, dass bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts und in manchen Regionen wohl bis in die 70er Jahre die so wohlhabende, zivilisiert wirkende Schweiz Zustände erlaubte, die an mittelalterliche Leibeigenschaft erinnert. Nicht allen Verdingkindern ging es so schlecht wie denen in Markus Imbodens Film, angenehm waren die Umstände wohl in keinem Fall. Mehrere hunderttausend Waisen und uneheliche Kinder mussten sich im Laufe der Jahrzehnte verdingen, auch heute noch leben tausende ehemalige Verdingkinder mit teilweise schweren psychischen Schäden in der Schweiz. Bedauerlicherweise erfährt man all das nicht aus Imbodens Film, der seine Geschichte völlig kontextlos erzählt. Das mag in der Schweiz – wo der Film sehr erfolgreich lief – funktionieren, in Deutschland, wo das Schicksal der Verdingkinder weitestgehend unbekannt ist, hätte man sich ein paar erklärende Texttafeln gewünscht. Zumal die deutsche gegenüber der Originalversion ohnehin verändert wurde: Eine eigene Sprachfassung wurde erstellt, die das Schwyzerdeutsch entschärft und bedauerlicherweise nur als misslungen bezeichnet werden kann.

Hat man sich jedoch an die merkwürdigen Akzente und die asynchronen Lippenbewegungen gewöhnt, kann man sich auf einen harschen, düsteren, schonungslos realistischen Film konzentrieren. Keine Filmmusik setzt Imboden ein, auch auf betont dramatisierende Bilder oder Schnitte verzichtet er völlig. Plinio Bachmanns Drehbuch erzählt schnörkellos, fast wie ein Dokudrama, deutet auch die schwierigen sozialen Umstände an, die die Bösingers belasten, ohne ihr Verhalten zu entschuldigen. Besonders in seiner präzisen Beobachtung der Armut überzeugt der Film: Mal sieht man die Bösinger die Schuhe der Kinder tragen, damit die Sohlen nicht abgenutzt werden, während die Kinder barfuss auf Steinen gehen müssen. Ein anderes Mal, bei einem Volksfest, bestellt die Familie nur Leitungswasser und knabbert an selbst mitgebrachten Brotscheiben, denn um etwas Richtiges zu bestellen langt das Geld nicht. Es sind solche kleine Momente, die „Der Verdingbub“ zu so einem reichen Film machen. Kleine Szenen, die eine komplizierte soziale Situation entstehen lassen, in der die Schuld an der Ausbeutung von Kindern auf vielen Schultern lastet, in denen Menschen Dinge tun, die sie eigentlich nicht tun wollen, in denen die Gesellschaft als Ganzes die Augen vor Unrecht verschließt.

Michael Meyns

Schweiz zwischen 1800 und 1950. Kinder, die keine Eltern hatten oder beispielsweise in einem Haushalt ohne Mann aufwachsen mussten, wurden von Amts wegen an Pflege- oder Bauernfamilien vergeben, damit sie auf diese Weise erzogen wurden und in der betreffenden Familie mithelfen konnten. So der gesetzliche, der Idealfall.

Natürlich konnte es da auch zu Missbrauch kommen. Und einen solchen Fall schildert der Film, und zwar auf dem einsamen Berghof, der Dunkelmatte.

Max und Berteli sind Verdingkinder, wie der offizielle Begriff lautet. Die Bäuerin ist anfangs noch gut zu den beiden, der Bauer aber ist ein Säufer. Deswegen ist kaum Geld da.

Max arbeitet auf dem Feld mit, wird aber bald entpersönlicht und fast wie ein Tier behandelt. Er muss auf Stroh im Stall schlafen, bekommt zwar Essen, aber was für eins! Einzig sein Spiel auf der „Handorgel“ (eine Art Ziehharmonika) macht ihm Freude. Als er einmal einen argentinischen Tango auf einem Bandoneon hört, ist es um ihn geschehen. Er will nur noch nach Argentinien. Und zwar mit Berteli. Denn langsam haben die beiden Gefallen aneinander gefunden. Doch Max wird alleine ziehen müssen.

Denn Berteli wird vom Sohn des Hauses, dem Jakob, der soeben vom Militärdienst nach Hause gekommen ist, nicht sonderlich viel arbeitet und sich oft grob gibt, sexuell missbraucht – obwohl erst 15 Jahre alt.

Die Bäuerin zwingt sie zur Abtreibung – das Mädchen stirbt daran.

Eine junge Lehrerin will die unguten Zustände unbedingt aufdecken und ändern, den Kindern helfen. Sie hat jedoch gegen das überhebliche, sture behördliche Establishment, das die alteingesessenen Dorfbewohner deckt, keine Chance. Sie wird vielmehr vom Ort vertrieben.

Einen Lichtblick kann es geben. Dann nämlich, wenn die wahre Ursache des Todes von Berteli gründlich untersucht wird – was sich andeutet.

Ein schlimmes geschichtliches Drama. Sollten sich Fälle wie dieser so ereignet haben, hat Regisseur Imboden völlig recht, damit wie hier an die Öffentlichkeit zu gehen. Es gibt allerdings Stimmen genug, die das Gezeigte für übertrieben und im Vergleich zur Realität für unangemessen halten. Es wird gesagt, in der Regel seien die Zustände zumindest in Ordnung gewesen. Zu verifizieren ist das kaum, die meisten Verdingkinder leben nicht mehr.

Rein filmisch wurde sehr gute Arbeit geleistet: atmosphärisch, dramaturgisch, montagetechnisch, landschaftlich und auch darstellerisch. Sogar Katja Rieman (Bäuerin) gibt in dem rein schweizerischen Milieu eine ordentliche Figur ab. Miriam Stein ist eine überzeugende Lehrerin und Helferin, Stefan Kurt ein anfangs noch erträglicher, später nur noch schrecklicher Bauer.

Wirklich überdurchschnittlich gut sind die beiden jugendlichen Akteure: Max Hubacher als gedemütigter aber sich durchbeißender Max und Lisa Brand als zarte, zum Leiden verdammte Berteli.

Thomas Engel