Der weiße Massai Krieger

Eine weiße Massai gab es schon, auch im Kino, als Nina Hoss in die Rolle der Schweizerin Corinne Hofmann schlüpfte, die sich 1986 während eines Urlaubs in Kenia in einen Massai-Mann verliebte, ihn heiratete und vier Jahre in seinem Dorf lebte. Die Motivation für den Naturdokumentarfilmer Benjamin Eicher war nun eine gänzlich andere, als er von einem in der kenianischen Massai Mara lebenden Kriegerstamm eingeladen wurde, um deren Lebensweise näher kennenzulernen. Eicher hat sich dazu selbst in einen Massai verwandelt – Tierblut trinken inklusive. Seinen Selbstversuch hielt er in einer Art Erklär-Doku mit der Kamera fest.

Webseite: white-maasai-warrior.com

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie: Benjamin Eicher
84 Minuten
Verleih: Alpha Centauri Studios
Kinostart: 14.1.2020

FILMKRITIK:

Eigentlich sind sie ja Hirten. Doch anders als im Alpenland laufen die weidenden Kuhherden in der afrikanischen Wildnis stets Gefahr, von wilden Tieren jäh gerissen zu werden. Ein Massai-Krieger hingegen muss vor derlei hungrigen Steppenbewohnern keine Angst haben. Löwen zum Beispiel wissen genau, dass ein von den Haarspitzen bis zu den Füßen mit roter Körperfarbe eingeschmierter Mensch dies nicht nur aus Gründen des Insekten- und Sonnenschutzes tut, sondern um ihm, dem Löwen, zu zeigen, dass mit einem Massai-Warrior nicht zu spaßen sein wird, sollte seiner zu behütenden Herde ein Leid angetan werden.
 
Als Benjamin Eicher im Auftrag der Universal Studios in Los Angeles für eine Dokumentation Naturaufnahmen von der wegen gefräßiger Krokodile in der Regel nicht ohne Blutopfer auskommenden Querung mehrerer 100.000 Gnus und Zebras des Mara River zwischen Kenia und Tansania filmen sollte, führte ihn dies auch in ein ursprüngliches Massai-Dorf. Ein alter Seher sprach ihn an und bat darum, einen Film über die mehr und mehr aussterbende Kultur der Massai-Krieger zu drehen. Um deren Lebensweise besser verstehen zu können, erhielt Eicher die Möglichkeit, sich in einer zweimonatigen Schnellbleiche zum Massai-Krieger „ausbilden“ zu lassen. Als echter Krieger in dieser Kultur gilt, wer drei Jahre in einer kleinen autarken Gruppe unter freiem Himmel mit den Tieren und der Natur lebt und dabei auch das Überleben in der Wildnis lernt.
 
Damit auch der Betrachter dieses besonderen Abenteuers im Bilde über das Wie und Warum ist, sieht man in „White Massai Warrior“ nun nicht nur, wie Eicher sich kleidet und bemalt wie seine „Stammesbrüder“, sondern auch, wie er sich in freier Wildbahn lebend mit der Natur arrangieren und verhalten lernt. Gleich zu Beginn gibt es wissenswerte und interessante Hintergrundinfos zu Leben, Geschichte und Entwicklung des Stammes und zum Zustandekommen des Projektes, dann folgt man den Etappen der Wandlung des „denaturierten“ Europäers in einem afrikanischen Krieger.
 
Eichers Initiation ging allerdings nicht so weit, sich wie künftige Massai-Krieger beschneiden und Zahnlücken ziehen zu lassen. Sie gestaltete sich vielmehr auf eher spielerische Art in einer Form von Dschungelcamp, dessen Ereignisse und Hintergründe Eicher wie ein Reporter in einem TV-Erklärfilm mit direktem Blick in die Kamera mitliefert. Wie das eigene Verhalten dabei gesehen und persönliche Empfindungen reflektiert werden, das kommentiert er gleich mit. „Es geht nicht nur ums Tanzen und Singen, es ging um uns“, sagt der 1974 in Tübingen geborene Filmemacher, der sich in ähnlicher Weise auch schon einmal unter auf der Straße lebende cracksüchtige Menschen mischte.
 
Was Eicher bei seinem Selbstversuch festhielt, folgte – anders als die beeindruckenden Tier- und Naturaufnahmen von Gnuherden, badenden Nilpferden, Zebras, Gepardenfamilien oder wegen der mythischen Bedeutung ihrer Hörner gefährdeten Rhinozerossen – keinem vorgefassten Drehplan. Als ein Schaf geschlachtet wird, trinkt er dessen noch warmes Blut („schmeckt wie Blutwurst, nur weniger salzig“) als wär’s das normalste auf der Welt, während Produzent und Kameramann Timo Joh. Mayer das Gesicht nach diesem „Probiererle“ verzieht. Im Gegenzug lässt Eicher seine afrikanischen Brüder Ketchup kosten – mit ähnlicher Reaktion. Hier ein bisschen Speerwerfen, dort eine kleine Balgerei, wie gesagt, was Eicher erlebt gleicht dem Leben auf einem Abenteuerspielplatz, so wirklich gefährlich wird es kaum. Selbst der Diebstahl einer Ziege aus einem Nachbardorf wirkt da unter Einhaltung aller rituell gültigen Spielregeln wie ein Lausbubenstreich (was es streng genommen ja auch war, erfolgte die Produktion doch durch die Little Brothers Film GmbH und die Lausbuben Films GmbH aus Stuttgart), der umso verzeihlicher endet, als den Bestohlenen erklärt wird, dass die Aktion aus filmdokumentarischen Gründen erfolgte.
 
Von einer persönlichen Schicksalsgeschichte wie der von Corinna Hofmann, die ihre Jahre als „weiße Massai“ in mehreren Büchern nachzeichnete und die 2005 von Hermine Hundgeburth mit Nina Hoss in der Hauptrolle verfilmt wurde, ist „White Massai Warrior“ weit entfernt. Erzählte „Die weiße Massai“ von einem missglückten Integrationsversuch einer gebürtigen Schweizerin in einen Samburu-Stamm, die ständig versuchte, den Eingeborenen zu zeigen, wie dieser es besser haben könnte, ist Benjamin Eicher neugierig und auch bereit, sich voll und ganz auf sein von vornherein zeitlich begrenztes Abenteuer einzulassen. Wie in seinen vielen Naturdokumentationen als Hauptmotiv erkennbaren Ansatz, die Natur letztlich beschützen und ihre Bewohner, ob Mensch oder Tier, respektieren zu wollen, bleibt er ebenfalls treu. Insbesondere den typischen Aufnahmen von Flora und Fauna tut die große Leinwand dabei besonders gut.
 
Thomas Volkmann