Dessau Dancers

Mit „Dessau Dancers“, der um eine Breakdance-Crew im Dessau der 80er Jahre kreist, scheint sich das deutsche Kino vorsichtig ins Genre des Tanzfilms vorzuwagen. Mit viel Witz und dem typischen Ostalgie-Charme ist „Dessau Dancers“ aber nicht so sehr ein Tanzfilm, sondern eine beschwingte Komödie geworden.

Webseite: www.dessau-dancers.senator.de

Deutschland, 2014
Regie: Jan Martin Scharf
Drehbuch: Ruth Toma
Darsteller: Gordon Kämmerer, Oliver Konietzny, Sonja Gerhardt, Sebastian Jäger, Rainer Bock
Filmlänge: 90 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 16.4.2015

FILMKRITIK:

Ein deutscher Tanzfilm? Das scheint zunächst ungewöhnlich, ist das deutsche Kino doch vor allem für seine Komödien und die Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit bekannt. Und eben deshalb ist „Dessau Dancers“ auch nicht irgendein Tanzfilm, sondern eine komödiantische und in der DDR angesiedelte Variante – eine durchaus problematische Mischung.

1985 läuft der US-amerikanische Film „Beatstreet“ in der DDR an und macht das begeisterte Publikum mit einer neuen Tanzkultur, dem Breakdance, bekannt. Auch Freizeitturner Frank (Gordon Kämmerer) ist hin und weg von den neuartigen Bewegungen und dem subversiven Geist der traditionell in der Öffentlichkeit dargebotenen Performances. Gemeinsam mit seinem besten Kumpel Alex (Oliver Konietzny) und mit Martina (Sonja Gerhardt) aus dem Sportverein beginnt er, auf der Straße zu trainieren. Und ehe sie sich versehen sind sie mit Michel (Sebastian Jäger) auch schon zu viert. Doch Subversion ist in der DDR nicht gern gesehen und die erste Verhaftung lässt nicht lange auf sich warten.

Die Breakdance-Tanzeinlagen sind hier weit weniger ausgefeilt und insgesamt spärlicher vertreten als in anderen zeitgenössischen Tanzfilmen wie beispielsweise der „Step Up“-Reihe. Auch fehlt „Dessau Dancers“ eine elementare Zutat dieser Filmgattung: die Körperlichkeit. Die aufkeimende Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen Frank, Alex und Martina bleibt für einen Tanzfilm, dessen Objekt – mehr als im visuellen Medium ohnehin – der Körper ist, unpassend steril und verklemmt. Doch die Leidenschaft fehlt nicht nur in der Liebe. Auch die Tänzer sind zu sehr damit beschäftigt, ihre komödiantisch angelegten Rollen auszufüllen, um wahre Passion auszustrahlen. Dabei sticht Sebastian Jäger alias Breakdance-Weltmeister „Killa Sebi“ klar als einziger professioneller Tänzer der Crew hervor.

„Dessau Dancers“ hat also mit US-amerikanischen Tanzfilmen wenig gemein und schlägt eine eindeutig komödiantische Richtung ein, die sich in ihren schwächsten Momenten haarscharf am Klamauk vorbei manövriert. Die meisten Witze über die DDR wurden auf der Leinwand schlichtweg bereits erzählt. Breakdance als „aus Solidarität mit den Opfern das Kapitalismus“ dargebotenen „akrobatischem Show-Tanz“ zu umschreiben, ist zwar amüsant, doch davon abgesehen weiß „Dessau Dancers“ dem Genre der Ostalgie-Komödie wenig Neues hinzuzufügen. Stattdessen erzählt der Film einmal mehr mit einem Zwinkern von den Machenschaften der Stasi und dem Einfluss der Partei, von den Vorzügen eines Lebens als systemtreuer Bürger und den Nachteilen des Daseins als freidenkender Mensch. Das mag für ein sehr junges Publikum noch lehrreich sein, doch die Älteren werden Ähnliches in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren schon zigfach gesehen haben.

Zudem ist die politische Ausrichtung des Plots äußerst seicht geraten. Frank und seine Breakdance-Crew werden schließlich vom Staat gefördert, selbstredend nur um ihr subversives Potential zu deckeln. Schließlich müssen sie sich entscheiden, ob sie in Interviews DDR-Werbetexte aufsagen oder das Tanzen aufgeben und ihren eigenen Ideen treu bleiben wollen. Der hier angelegte Konflikt der jungen Menschen bleibt jedoch eine Andeutung, als wolle man in jedem Fall vermeiden, die unbeschwerte, lustige Stimmung des Films zu trüben. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil „Dessau Dancers“ hier die Chance versäumt, seinen Charakteren mehr Tiefe zu geben.

Insgesamt bleibt „Dessau Dancers“ zu sehr an der Oberfläche. Vermutlich wird er trotzdem sein Publikum finden, denn unkomplizierte – um nicht zu sagen, seichte –Komödien laufen im deutschen Kino bekannter Weise sehr erfolgreich. Doch es bleibt traurig, dass hier einmal mehr der Mut fehlte, sich tatsächlich in ein neues Genre vorzuwagen.
 
Sophie Charlotte Rieger