Destroyer

Eine spektakuläre schauspielerische Leistung von Nicole Kidman ist Herz und Seele von „Destroyer“, ein moderner Film Noir, der die unschönsten, brutalsten Seiten von Los Angeles zeigt. Mit vielen Anspielungen an Klassiker des Genres inszeniert Karyn Kusama einen Film, der seine Radikalität etwas zu eitel betont und mehr durch seine Atmosphäre überzeugt, als durch sein oft sehr löchriges Drehbuch.

Webseite: www.destroyer-film.de

USA 2018
Regie: Karyn Kusama
Darsteller: Nicole Kidman, Toby Kebbell, Sebastian Stan, Jade Pettyjohn, Scoot McNairy, Bradley Whitford
Länge: 123 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 14. März 2019

FILMKRITIK:

Erin Bell (Nicole Kidman) ist ein Wrack: Die Haare strähnig, die Haut faltig und fleckig, die Augen müde. Mehr tot als lebendig wirkt Bell und vielleicht würde sie auch lieber sterben als weiterleben und die Ereignisse bedauern, die ihr Leben zu einem Desaster machten.
 
In der ersten Szene kommt Bell, eine Detektivin der Mordkommission in Los Angeles, zu einem Tatort. Eine Leiche mit einem markanten Tattoo im Nacken liegt im Dreck, neben ihr ein markierter 100 Dollar-Schein. Bell scheint die Leiche zu kennen, scheint zu wissen, was der Schein bedeutet: Silas (Toby Kebbell) ist zurück in der Stadt, ein brutaler Gangster, der seinen exzessiven Lebensstil mit Banküberfällen finanziert. Vor 17 Jahren war Bell, damals noch junge, unerfahrene Polizisten zusammen mit ihrem Kollegen Chris (Sebastian Stan) auf Silas angesetzt. Undercover schlichen sie sich in Silas Welt, erlangten sein Vertrauen, doch irgendetwas muss schief gegangen sein.
 
Langsam enthüllen Rückblenden, was Bell damals widerfahren ist, wie sie mit harten Drogen in Kontakt kam, an einem Banküberfall teilnahm, wer der Vater ihrer 16jährigen Tochter Shelby (Jade Pettyjohn) ist, die ihrer Mutter zunehmend entgleitet. Kaum noch handlungsfähig, von Alkohol zerfressen, hat Bell nur noch einen Wunsch: Rache zu nehmen für das, was ihr einst geschehen ist.
 
Das erste Bild von Karyn Kusamas Film zeigt Nicole Kidmans Augen, müde, kaum noch von dieser Welt, wie in einem Fiebertraum in die Ferne starrend. Was folgt wirkt zunächst wie eine lineare Geschichte, wie ein typischer Film Noir, in dem eine harte, zynische Polizisten an einem Fall arbeitet. Doch bald wird deutlich, dass man der Narration nicht zu sehr trauen sollte, dass wir uns in Erin Bells Kopf befinden, in dem enormes Chaos herrscht.
 
Zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit springt die Geschichte nun fortwährend hin und her, liefert in den Rückblenden einen Ansatz für den physischen, vor allem auch psychischen Verfall, der aus einer jungen, optimistischen Polizistin eine lebende Leiche gemacht hat. Ein klassisches Noir-Motiv ist das, typischerweise aber mit einem Mann in der Hauptrolle besetzt. Allein das hier eine Frau, dazu noch die normalerweise so grazile, ätherisch schöne Nicole Kidman in die Rolle schlüpft, macht „Destroyer“ also schon ungewöhnlich. Manchmal ruht sich Kusama – die vor gut 20 Jahren mit dem ähnlich radikalen Frauen-Boxfilm „Girlfight“ ihr viel beachtetes Debüt ablieferte – ein bisschen zu sehr darauf aus, begnügt sich damit, Bell all das anzutun, was normalerweise männlichen Figuren vorbehalten ist: Das Maß an Brutalität, das Bell erleidet ist erstaunlich, die unbarmherzige, gleißende kalifornische Sonne, die fast jede Szene in grelles Licht taucht, macht ein wegschauen erst recht kaum möglich.
 
Manchmal wirkt das zwar wie Selbstzweck, wirkt das Drehbuch allzu sehr auf den Effekt hingeschrieben, ohne Rücksicht auf etliche wenig glaubwürdige Wendungen, die man schlucken muss. Doch im Kern erzählt „Destroyer“ auch dank Kidmans radikaler Performance auf ergreifende Weise vom allzu lang gehegten Wunsch nach Rache und dem Gefühl, sein Leben verpfuscht zu haben. Wie ein Geschwür haben sich die Selbstzweifel in Erin Bell eingefressen, haben sie zu der lebenden Leiche gemacht, die in der ersten und letzten Szene mit glasigen Augen ins Nichts starrt und nur noch auf den Tod wartet. Viel düsterer könnte ein moderner Film Noir kaum sein, aber gerade diese unbarmherzige Radikalität macht „Destroyer“ trotz seiner Schwächen zu einem bemerkenswerten Film.
 
Michael Meyns