Deutschland. Dein Selbstporträt

Am 20. Juni 2015 taten etliche Deutsche das, was sie auch sonst tun: Sich bei alltäglichen Tätigkeiten filmen. An diesem Tag taten sie dies allerdings im Auftrag von Sönke Wortmann, der die Ergebnisse zu dem etwas hochtrabend und irreführend "Deutschland. Dein Selbstporträt" betitelten Film zusammenstellte, der manches ist, aber gewiss nicht ein Abbild der Vielfalt Deutschlands.

Webseite: www.madeby.de

Deutschland 2016 – Dokumentation
Regie: Sönke Wortmann
Länge: 100 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 14. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

Man könnte Walther Ruttmans "Berlin – Die Symphonie der Großstadt" als ersten Versuch bezeichnen, einen ganz gewöhnlichen Tag im Leben ganz gewöhnlicher Menschen auf die Dauer eines Filmes zu komprimieren. 1927 entstand dieses immer noch eindrucksvolle Experiment, im Lauf der Filmgeschichte gab es immer wieder Variationen dieses Musters, bis 2011 Ridley Scott mit der Produktion von "Life in a Day" eine Art modernes Monopol auf diese Form erwarb. Seitdem entstanden Ableger in Italien, Großbritannien, Japan und Indien – und nun also Deutschland.
 
Der 20. Juni 2015 wurde ausgewählt, ein Samstag, ein heißer Sommertag, allerdings ohne Fußball-Bundesliga. Viele Deutsche kamen der Aufforderung der Produktionsgesellschaft nach, Schnipsel ihres Lebens mit Videokameras oder Smartphones zu filmen und einzusenden, wie viele bleibt offen. Ein repräsentativer Querschnitt beteiligte sich jedenfalls nicht an diesem Projekt, was aber auch an der Haltung der Produzenten und Regisseur Sönke Wortmann gelegen haben mag.
 
Um die Bilder ein klein wenig zu strukturieren, wurden die Beteiligten aufgefordert, drei Fragen zu beantworten: Was macht dich glücklich? Wovor hast du Angst? Was bedeutet Deutschland für dich? Fragen, die so groß und umfassend sind, dass die Antworten oft dementsprechend erwartbar ausfallen. Von Freiheit und Bürgerrechten ist da die Rede, von Gesundheit und Sicherheit, vom Stolz, in diesem Land zu leben.
 
Mehr als Plattitüden sind das meist nicht, Momente der Selbstversicherung, der Bestätigung, wie schön und abwechslungsreich Deutschland doch ist, wie glücklich wir uns schätzen können, in einem so vielseitigen, sicheren Land zu leben. Dass bei diesem "Selbstporträt" weite Teile der Bevölkerung außen vor bleiben, dass weder Luxus noch Armut, weder Reichtum noch Elend, kurz sämtliche Extreme ausgeblendet sind, reduziert den Blick enorm.
 
Um dies zu vermeiden, haben die Produzenten dann doch ein wenig selbst eingegriffen, haben sich in Deutschland umgeschaut und Menschen, die ihnen interessant erschienen aufgefordert, sich an dem Projekt zu beteiligen. Deutlich professioneller wirken dann auch diese Sequenzen, minutenlange Mini-Porträts einzelner Menschen sprengen das eigentliche Konzept, sorgen aber auch für einige der interessantesten Momente. Einen Vollzugsbeamten begleitet man da etwa bei der Fahrt zu seiner Arbeitsstätte, einem Gefängnis. Als der Beamte seinen Wagen auf einem Behindertenplatz parkt, stutzt man und wundert sich, bis sich der Moment der Irritation auflöst: Der Beamte sitzt in einem Rollstuhl. mit dem er durch die Gänge des Gefängnis fährt und als Beispiel der Integration fungiert.
 
Deutlich ist der Wunsch Wortmanns zu verspüren, ein sanft differenziertes Bild der Nation abzuliefern, kritische Töne einzubauen, die auch Positionen wie die eines jungen Mannes beinhalten, der die zunehmende Anzahl von Flüchtlingen beklagt. Solche unliebsamen Momente werden dann aber postwendend mit liberalen Positionen ausbalanciert, mit den richtigen, den gewünschten Ansichten, die Deutschland als weltoffenes Land zeigen. In diesem Film ist es das in jedem Fall, inwiefern dies aber tatsächlich der Realität entspricht oder doch eher den Wünschen der Filmemacher, sei dahingestellt.
 
Michael Meyns