Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen

Wie ein klassischer Dämonen-Film wirkt „Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen“ zeitweilig, doch der Film des polnischen Regisseurs Marcin Wronas ist mehr als eine Genrevariation: Wie der deutsche Verleihtitel andeutet, bedient sich Wrona beim jüdischen Volksglauben des Dibbuks, einem Totengeist, der in die Lebenden eindringt, und erzählt damit vom Holocaust und verdrängter Erinnerung.

Webseite: www.dropoutcinema.org

OT: Demon
Polen 2015
Regie: Marcin Wrona
Buch: Pawel Maslona &Marcin Wrona
Darsteller: Itay Tiran, Agnieszka Zulewska, Tomasz Schuchardt, Tomasz Zietek, Andrzej Grabowski
Länge: 94 Minuten
Verleih: Drop-Out Cinema
Kinostart: 28. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

Vom ersten Moment an wird in Marcin Wronas „Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen“ getrunken, sehr viel getrunken. Jasny (Tomasz Schuchardt) der zukünftige Schwager des Bräutigams Piotr (Itay Tiran) ist praktisch nie ohne eine Flasche Hochprozentigem zu sehen und lässt sich schon vor der Hochzeit keine Gelegenheit entgehen, anzustoßen. Getraut werden sollen irgendwo in der polnischen Provinz der im Londoner Exil lebende Piotr und Zaneta (Agnieszka Zulewska). Zigmunt (Andrzej Grabowski), der Vater der Braut ist etwas skeptisch angesichts des zukünftigen Schwiegersohns, den er erst einen Tag vor der Trauung kennenlernt, aber dem Wunsch seiner Tochter im Wege stehen mag er auch nicht, zumal eine ausschweifende Feier ansteht. Der Wodka fließt in Strömen, es wird exzessiv getanzt und gefeiert, was bald wie eine überzeichnete Darstellung eines Klischees wirkt, bald wie ein Versuch, im Alkohol Vergessen zu finden.

Der Zweite Weltkrieg ist zwar schon Jahrzehnte vorbei, doch die älteren Mitglieder der Dorfgemeinschaft können sich noch deutlich erinnern: An ihre jüdischen Mitbürger, vor allem aber an deren Vertreibung und Ermordung. Eine dieser Toten, ein Mädchen Namens Hanna ist es nun, die von Piotr Besitz ergreift, ihn wie epileptische Zuckungen wirkende Anfälle erleiden und in fremden Zungen sprechen lässt. Während Zigmunt die Ereignisse abzutun versucht und die Feier immer ausgelassener wird, versucht Zaneta Piotr von dem Dämon zu befreien.

Von Dämonen und Totengeistern, die von den Lebenden Besitz ergreifen, mal mit finsteren Absichten, mal mit dem Wunsch nach Erlösung, erzählt das Genrekino oft. Auch die spezielle jüdische Variante dieser Geschichte, der Dibbuk, findet dabei bisweilen Verwendung, zuletzt im amerikanischen Horrorthriller „Posession – Das Dunkle in dir“. Doch vor Marcin Wronas ist noch niemand auf die ebenso einfache wie brillante Idee gekommen, die Legenden um den Dibbuk mit der Verfolgung und Ermordung von Juden während des Zweiten Weltkriegs zu verknüpfen.

Dass der polnische Regisseur hier nicht von deutschen Tätern erzählt, sondern seine Geschichte in einem polnischen Dorf ansiedelt und dezidiert in den Wunden der polnischen Vergangenheit bohrt hat in seiner Heimat für einige Diskussionen gesorgt. Die Wrona selbst nicht mehr erlebte: Kurz vor der Premiere seines Films auf dem Festival von Gdynia erhängte sich der erst 42jährige Wrona, der als große Hoffnung des polnischen Kinos galt.

Welches Talent er hatte, davon kann man sich in „Dibbuk – Eine Hochzeit in Polen“ überzeugen. Vom ersten Moment an lässt Wrona eine bedrohliche Atmosphäre entstehen, taucht seine Bilder in monochrome Farben, die unweigerlich an Fotografien längst vergangener Zeiten denken lassen. Nach und nach enthüllt er die Vergangenheit der Dorfgemeinschaft, ohne seine Geschichte zu einem einfachen Ende, zu einer Katharsis zu führen. Als Genrefilm funktioniert „Dibbuk“ daher nur bedingt: Entgegen der Konventionen haben die Totengeister hier keine Ziele, wollen nicht durch einen Akt der Lebenden erlöst werden, sondern sich nur bemerkbar machen, um nicht Vergessen zu werden. Genau das tut jedoch die polnische Gesellschaft, so darf man Wrona wohl verstehen, die sich ihrer eigenen Schuld nicht stellt und unliebsame Erinnerungen lieber im Wodka ertränkt. Ein düsteres Bild seiner Heimat zeichnet er in seinem dritten Spielfilm, einer hervorragenden GenreVariation, der bedauerlicherweise sein letzter bleiben wird.
 
Michael Meyns