Die abhandene Welt

Nach dem Triumph ihres Porträts von „Hannah Arendt“ widmet sich Margarethe von Trotta nun einer ganz persönlichen Geschichte. Die Grande Dame des deutschen Kinos erzählt von einer Frau, die durch Zufall ihre Schwester findet, von der sie bislang nichts wusste. Die Story klingt wie aus einer Seifenoper – doch sie basiert nicht nur auf wahren Begebenheiten, sondern ist der Regisseurin tatsächlich ganz ähnlich passiert. Mit Katja Riemann und Barbara Sukowa hochkarätig besetzt, präsentiert sie ein feinsinniges Schwestern-Drama, das emotional funktioniert und dessen raffinierte Puzzle-Konstruktion für einige Überraschungen gut ist.

Webseite: www.dieabhandenewelt-film.de

D 2014
Regie und Drehbuch: Margarethe von Trotta
Darsteller: Katja Riemann, Barbara Sukowa, Mathias Habich, Gunnar Möller, Karin Dor
Filmlänge: 101 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 7.5.2015
 

Pressestimmen:

"Bei ihrem neuen Film ließ sich Margarethe von Trotta von der eigenen Biografie inspirieren… Eine fein komponierte Geschichte… auf vielfältige Weise lotet sie seelische Abgründe durchaus spannungsvoll aus."
Berliner Zeitung

FILMKRITIK:

Der Verleih habe ihr geraten, nicht zu verhehlen, dass diese Geschichte autobiografisch geprägt sei, sonst würde sie keiner glauben, berichtet Margarethe von Trotta. Gewiss keine ganz so schlechte Empfehlung, denn diese Story klingt so haarsträubend, als stamme sie aus den Schubladen von Telenovela-Autoren. Weit gefehlt! Die Geschichte schrieb das Schicksal selbst. Mehr noch: Passiert ist sie der Regisseurin, die sehr spät im Leben per Zufall auf eine Schwester traf, von der sie nichts ahnte. Nach längerem Zögern verarbeitet sie dieses Erlebnis nun zum Film, einmal mehr mit ihren Lieblingsschauspielerinnen Barbara Sukowa und Kaja Riemann, die hier erstmals gemeinsam vor ihrer Kamera stehen.
 
Die Riemann spielt das Alter Ego, die mittellose Musikerin Sophie. Deren Vater Paul (Matthias Habich) entdeckt im Internet zufällig das Foto der New Yorker Opernsängerin Caterina Fabiani (Barbara Sukowa), die seiner verstorbenen Frau Evelyn verblüffend ähnlich sieht. Paul drängt seine Tochter, sofort nach Amerika reisen, um dort die Sängerin zu treffen. Widerwillig macht sich Sophie auf die Reise und schleicht sich in die Garderobe der Diva. Die reagiert zunächst abweisend auf den Besuch aus ihrer alten Heimat, umso begeisterter ist Manager Philip von der attraktiven Sophie. Nach erfolgreicher Flirt-Offensive unterstützt der kleine Macho seine neue Freundin aus Deutschland bei ihrer Suche nach verdrängten Familiengeheimnissen. Von der Mutter der Sängerin erhofft sich Sophie neue Erkenntnisse, trotz Demenz der alten Dame (Karin Dor) finden sich tatsächlich Puzzlestücke, die ein neues Bild ergeben.      
 
Zurück in Deutschland geht die Spurensuche weiter. Weiß Vater Paul nicht viel mehr als er seiner Tochter sagt? Welche Rolle spielt Onkel Ralf (Gunnar Möller) in dieser vertrackten Familienaufstellung? Als eine Kiste mit Liebesbriefen auftaucht, kommt es zum Showdown der verfeindeten Brüder: ein Kampf der Senioren mit Schnittblumen – bei dieser wohl putzigsten Actioneinlage des Jahres kann auch Katja Riemann auf dem heimischen Sofa ihr Lachen kaum noch halten.
 
Margarethe von Trotta, die nach dem Tod ihrer Mutter den Brief einer Frau erhielt, die sich als ihre unbekannte Schwester vorstellte, hat das Geschwister-Thema schon lange umgetrieben. In „Schwestern oder die Balance des Glücks" (1979), „Die Bleierne Zeit“ (1981) oder „Fürchten und Lieben“ (1988) schildert sie Schwestern-Schicksale, nun erzählt sie von ihrem ganz persönlichen.
 
Die Mischung aus Mystery-Drama, Lovestory, verdrängten Familiengeheimnissen samt einer kleinen Prise augenzwinkernder Komik gelingt mit angenehmer Leichtigkeit. Die verschachtelte Geschichte entblättert sich mit bravouröser Raffinesse. Entscheidenden Anteil am Gelingen hat das exzellente Ensemble. Katja Riemann gibt vergnügt die fröhliche Jazzsängerin, derweil die Sukowa als Gegenstück den verhärmten Opernstar spielt, der erst zögernd Gefühle duldet. Dass die beiden Schauspielerinnen seit langem auch als Sängerinnen unterwegs sind, können sie mit ein paar ihrer Gesangs-Einlagen eindrucksvoll unter Beweis stellen. Last not least gibt es ein kleines Wiedersehen mit Karin Dor – wie einst in James Bond und bei Hitchcock in sterbender Rolle. Chapeau!
 
Dieter Oßwald