Die Adern der Welt

Mit ihren Dokumentationen hat die Regisseurin und Drehbuchautorin Byambasuren Davaa schon international für Aufsehen gesorgt. Im Jahr 2005 hatte sie mit „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ weltweit Erfolg. Die deutsch-mongolische Ko-Produktion „Die Adern der Welt“ ist ihr erster Ausflug in den Spielfilmbereich. Sie erzählt von einer Welt, die langsam untergeht, von einem Jungen, der bei der mongolischen Version von „Das Supertalent“ mitmachen will, während sein Vater als Sprecher der Nomaden versucht, eine Bergbaugesellschaft vom Zerstören des Landes abzuhalten – bis die Familie ein schwerer Schicksalsschlag trifft und der Junge sich einer großen Aufgabe gegenüber sieht. Ein wundervoll authentischer Familienfilm aus der Mongolei mit traumhaft schönen Bildern.

Website: www.die-adern-der-welt.de

Veins of the World
Deutschland / Mongolei 2019
Regie: Byambasuren Davaa
Buch: Byambasuren Davaa
Darsteller: Bat-Ireedui Batmunkh, Enerel Tumen, Yalalt Namsrai, Algirchamin Baatarsuren
Länge: 95 Minuten
Verleih: Pandora Film
Kinostart neu: n.n.


FILMKRITIK:

In letzter Zeit haben zahlreiche Spielfilme (Dokumentationen sowieso) den Raubbau an unserer Erde zum Thema. „Vergiftete Wahrheit“ über verseuchtes Wasser in West Virginia und „Die Stimme des Regenwaldes“ über den Umweltaktivisten Bruno Manser sind dafür zwei Beispiele, die zudem auf wahren Begebenheiten basieren. Der mongolische Spielfilm der 2000 zum Regiestudium nach München gekommenen Byambasuren Davaa (u.a. „Die Geschichte vom weinenden Kamel“) ist nun zwar fiktional, das darin geschilderte Problem für die in der Steppe lebenden Nomaden indes nicht minder existenzbedrohlich. Ein Fünftel der mongolischen Fläche ist für den Rohstoffabbau ausgewiesen, insbesondere nach Gold wird geschürft wie wild, industriell wie privat. Von Renaturierung wollen die Konzerne hernach selten etwas wissen. Dass durch das Absinken des Grundwassers hunderte von Quellen, Seen und Flüssen – eine entscheidende Lebensgrundlage für die Nomaden und ihre Viehbestände – versiegt sind, wird als Kollateralschaden hingenommen.

Vor diesem Hintergrund spielt „Die Adern der Welt“, in dessen Mittelpunkt der zwölfjährige Amra steht. Während sein Vater sich dem Kampf gegen internationale Bergbauunternehmen und die Umsiedlung der Nomadenfamilien wehrt, träumt der Junge von einer Teilnahme an der Castingshow „Mongolia’s got talent“. Vortragen will er dort ein altes mongolisches Lied, das an ein goldenes Land erinnert, dessen Existenz erst durch die Habgier der Menschen bedroht wurde und daran appelliert, behutsam und respektvoll mit ihm umzugehen. Als Vater und Sohn auf der Heimfahrt von der Schule zu ihrer Jurte verunglücken und der Vater stirbt, ist es nun an Amra, Verantwortung zu übernehmen.

Wie nicht anders zu erwarten, liefert auch dieser Film wieder fantastische Bilder einer großartigen Landschaft, festgehalten vom aus dem Libanon stammenden Kameramann Talal Khoury. Man schmunzelt über das aus anderen Autos zusammengebastelte rote Familiencabrio und wie es weit sichtbar Staubspuren hinter sich herzieht, ist zugleich aber geschockt, welche Wunden die schweren Geräte der Bergbaufirmen in diese Landschaft gerissen haben. Dass der Aufruf zur Casting-Teilnahme offiziell über Schulen erfolgt, als wäre dieses Unterhaltungsformat von staatlichem Interesse, mag verwundern, lässt sich aber leicht mit der Macht der Medien, der Faszination des Fernsehens und der Tatsache, dass Kinder eben Träume haben, erklären.

Interessant am Rande: erst im Oktober kam mit „Im Berg dahuim“ ein Heimat-Dokumentarfilm über Alpbergbauern im Allgäu in die Kinos. Er beschreibt, wie durch den Klimawandel die Alpbewirtschaftung vor neue Herausforderungen gestellt wird, wie durch ausbleibenden Schnee fehlendes Wasser in der Höhe Weideland rar werden lässt, umgekehrt aber die Viehscheide zum Saisonende in ein touristisches Spektakel ausartet. Auch für diese Bergbauern stellt sich also immer mehr die Zukunftsfrage. Die Doku zeigt aber auch, welche Freude auch die Kinder der Älpler an diesem naturnahen Leben haben, wie selbstverständlich und erstrebenswert es für sie ist, ein solches Leben weiterzuführen. Ganz so, wie es auch Amra in diesem wundervoll authentischen Familienfilm aus der Mongolei tun möchte.

Thomas Volkmann

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Der zwölfjährige Amra lebt mit seiner Mutter, seinem Vater und seiner kleinen Schwester in der mongolischen Steppe. Er träumt davon, bei „Mongolia’s Got Talent“ zu singen, während sein Vater verhindern will, dass die anderen Familien das Angebot eines Bergbauunternehmens annehmen. Sie sollen das Land verlassen, damit es ausgebeutet werden kann, aber die Nomaden verbindet mit der Steppe etwas Ursprüngliches. Sie wollen nicht gehen. Doch dann geschieht ein Unglück und niemand scheint den Platz von Amras Vater einnehmen zu wollen – wenn es nicht der zwölfjährige Junge tut.

Die Geschichte, die Byambasuren Davaa hier erzählt, ist sehr minimalistisch angelegt. Der Handlungsverlauf ist klar nachvollziehbar, man folgt im Grunde den Regeln eines Kinderfilms, inklusive der Tatsache, dass die ganze Konzentration auf dem zwölfjährigen Jungen liegt. Doch der Film scheitert daran, dass er die durchaus vorhandene Diskrepanz zwischen mongolischer Mythologie, der die Nomaden anhängen, und der Bedrohung durch moderne, kapitalistische Ausbeutung nicht wirklich herausarbeiten kann.

Davaa scheint hier etwas zu sagen wollen. Etwas, das in Form ihrer Dokumentationen wohl besser funktioniert hätte, zumal diese auch immer eine narrative Struktur hatten und sich oftmals wie ein Hybrid aus Spielfilm und Dokudrama gestalteten. Hier jedoch ist es einzig und allein der fiktive Aspekt, dem sie folgt. Sie taucht diesen in ansprechende Bildern, die von der Schönheit der mongolischen Steppe und der Einfachheit des dortigen Lebens zeugen. Das mag im Zuschauer eine Art Sehnsucht nach dieser Simplizität des Lebens wecken. Aber es ist auch romantisierend, da die Regisseurin es versäumt, die Härte dieses Lebens wirklich herauszuarbeiten. Ihr Film gestaltet sich fast wie ein Märchen, denn die inhärenten Konflikte der Geschichte kann sie nicht auflösen.

Sie deutet den sozialen Wandel, die Hinwendung zu einer modernen, nicht unbedingt besseren Gesellschaft an, aber im Spannungsfeld des Raubtierkapitalismus, der Rohstoffe skrupellos hebt, ohne auf die Nachhaltigkeit zu achten, ist das alles etwas verloren. „Die Adern der Welt“ erscheint damit reichlich naiv. Weil er interessante Themen anreißt, ihnen aber nur mit Scheinlösungen begegnen will. Was bleibt, sind traumhaft schöne Bilder einer Welt, die langsam untergeht.

Peter Osteried