Die Böhms – Architektur einer Familie

Drei Generationen von Architekten beschreibt Maurizius Staerkle-Drux in seiner Dokumentation „Die Böhms – Architektur einer Familie“, wobei stets der Patriach Gottfried Böhm im Mittelpunkt steht. Wie sehr der bald 95jährige Böhm seine Welt beherrscht, versucht der Film aufzuzeigen, wobei die eigentliche Architektur oft etwas zu kurz kommt.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Maurizius Staerkle-Drux
Länge: 87 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 29. Januar 2015
 

FILMKRITIK:

Als einziger deutscher Architekt erhielt Gottfried Böhm den Pritzker-Preis, der als Nobelpreis der Architektur gilt. Bekannt wurde der 1920 geborene Böhm durch seinen in den 60er Jahren revolutionären Einsatz des Betons, den er insbesondere in zahlreichen Kirchenbauten verwendete. Was heutzutage oft etwas kalt und kahl anmutet, ermöglichte in der Nachkriegszeit, schnell den notwendigen Wideraufbau voranzutreiben. So ist es kein Zufall, dass Böhm besonders in Köln und anderen Städten des Rheinlandes zahlreiche Bauten verwirklichte, war doch kaum eine Region Deutschlands so vom Krieg betroffen.

Schon sein Vater Dominikus war ein bekannter Architekt und Kirchenbauer, von dem der Sohn auch die Vorliebe für sakrale Bauwerke geerbt zu haben scheint, die einen erheblichen Teil seines Oeuvres ausmachen. Inzwischen arbeiten auch Böhms Söhne Stephan, Peter und Paul als Architekten, Teils in Kooperation mit dem Vater, teils in eigenen Büros, die sich jedoch oft im Familiensitz in Köln Marienburg befinden.

In diesem aus den 30ern Jahren stammenden Haus fanden ein erheblicher Teil der Aufnahmen für Maurizius Staerkle-Druxs Film statt, hier lebte der Regisseur – ein Freund der Familie – zwei Jahre lang und beobachtete die Böhms. Diese Nähe zu seinem Objekt ist zwar einerseits eine Stärke der Dokumentation, verhindert andererseits aber auch ein distanzierteres Vorgehen, eine kritischere Darstellung der Familie.

Denn dass die Rolle Gottfried Böhms als Pater Familias nicht immer konfliktfrei ablief, dass kann man selbst aus den kontrollierten Kommentaren der Söhne, dem vorsichtigen Herantasten des Regisseurs erahnen: Die Abnabelung von einem so berühmten Vater, noch dazu auf dem Feld, dass diesem Weltgeltung verschafft hat, fiel den Söhnen fraglos schwer. Wie sehr kann man nur ahnen, denn allzu tief lassen sich die Söhne nicht in die Karten schauen. Und auch die Rolle der Ehefrau und Mutter Elisabeth bleibt vage: ursprünglich hatte sie eigene Ambitionen, als Architektin zu arbeiten, was nach dem Krieg, in einer patriarchalischen Gesellschaft, ohnehin schwer gewesen wäre, durch vier Kinder dann praktisch unmöglich war. Immer wieder deuten die Söhne die Rolle der Mutter für die Arbeit des Vaters an. Der vierte Sohn, der einzige, der nicht Architekt wurde, kommt bedauerlicherweise nicht zu Wort. Auch Elisabeth Böhm kann sich nicht äußern, die schon lang Demenzkranke starb während der Dreharbeiten.

Die „Architektur einer Familie“, die der Untertitel verspricht, ist Maurizius Staerkle-Drux somit nur bedingt. Auch wenn in kurzen Passagen auch die Söhne über eigene Projekte in München oder China berichten, im Mittelpunkt steht stets der Vater, sein Leben, seine Weltsicht, seine Entwürfe. Einige wenige werden auch im Bild gezeigt, besonders der berühmteste Bau Gottfried Böhms, die Wallfahrtskirche Neviges. Mit bombastischer Musik unterlegt wird hier ein Pathos erzeugt, der der Familie Böhm kaum gerecht wird. Diese wirkt mit all ihren kleinen Konflikten, die angesichts der großen Verbundenheit der Familienangehörigen aber kaum von Relevanz sind, wie eine ganz normale Familie. Was dann aber auch einer Dokumentation über sie einen etwas beschaulichen Charakter verleiht.
 
Michael Meyns