Die Dirigentin

Eine Geschichte aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, die jedoch immer noch viel über die Gegenwart erzählt. Der biographische Film „Die Dirgentin“ beschreibt in melodramatischer Form den erstaunlichen Lebensweg der in Holland geborenen Antonia Brico, die es mit unerschütterlichem Ehrgeiz schaffte, zur ersten Frau zu werden, die ein Orchester dirigierte.

Webseite: diedirigentin.der-filmverleih.de

De Dirigent
Niederlande, Belgien 2018
Regie & Buch: Maria Peters
Darsteller: Christianne de Bruijn, Benjamin Wainwright, Scott Turner Schofield, Annet Malherbe, Seumas F. Sargent
Länge: 137 Minuten
Verleih: Der Filmverleih
Kinostart: 23. April 2020

FILMKRITIK:

Ein paar Männerdomänen gibt es zwar noch, allzu viele sind es jedoch nicht mehr. Vor einhundert Jahren sah das noch ganz anders aus, eigentlich wurde von Frauen ohnehin eher erwartet, zu heiraten, für de Haushalt zu sorgen und Kinder zu bekommen. Insofern war der Traum der 1902 in Rotterdam geborenen Antonia Brico (Christianne de Bruijn) so unwahrscheinlich wie kaum etwas anderes: Dirigentin wollte sie werden, aus der Armut eines Lebens mit ihren Adoptiveltern entkommen, auf der Bühne stehen und ein Orchester führen.
 
Wie dieser Traum dennoch Wirklichkeit wurde erzählt die holländische Regisseurin Maria Peters in ihrem biographischen Film „Die Dirigentin“, der den Weg der Antonia Brico aus den Mietskasernen Amerikas auf die Bühnen der Welt nacherzählt.
 
Anfang der 20er Jahre begann dieser Weg, den als steinig zu bezeichnen eine Untertreibung wäre. Nicht nur, dass ihre musikalischen Fähigkeiten, nachdem sie jahrelang nur auf einem baufälligen Piano üben konnte, noch sehr ausbaufähig sind, als Mitglied der untersten sozialen Klasse war ihre Chance, einen Platz im Musik-Konservatorium zu bekommen, ohnehin minimal.
 
Doch zumindest in der Version, die Maria Peters vom Leben Antonia Bricos erzählt, ist sie mit unerschütterlichem Selbstvertrauen ausgestattet, das sich durch nichts und niemanden irritieren lässt. Schnell schafft sie es somit, private Klavierstunden bei einem Dirigenten zu bekommen, ein verheirateter Mann, der ihr bald in unzweideutiger Absicht näher kommt. Wie Antonia diesen Moment der Belästigung abwehrt, dennoch deswegen ihre Stellung verliert – ihr Wort steht schließlich gegen das eines Manns – ist einer von vielen Momenten in „Die Dirigentin“, die etwas zu zeitgenössisch und modern wirken.
 
Immer wieder wirken Szenen, als wären sie als Reaktion auf die #metoo-Diskussion geschrieben, als wollte Peters hier eine Figur zeigen, die als Symbol für auch heute noch notwendige Emanzipationsbemühungen taugen soll. Allzu dick trägt sie dabei bisweilen auf, zumal die Hindernisse, die Antonia in den Weg gelegt werden, ebenso schnell und vermeintlich leicht beiseite geräumt werden, wie sie sich auftun.
 
Mit groben Strich wird die amerikanische Oberklassengesellschaft gezeigt, in die Antonia durch ihre Beziehung zu dem Konzert Impresario Frank Thomsen (Benjamin Wainwright) hineingezogen wird. Deutlich subtiler wird dagegen ihre Freundschaft zu dem Transsexuellen Robin Jones (Scott Turner Schofield) geschildert, auch wenn diese fiktive Figur als weiterer Beleg für den Versuch verstanden werden mag, eine Geschichte zu erzählen, die die Gegenwart spiegelt.
 
Auch wenn man davon ausgehen kann, dass die echte Antonia Brico nicht ganz so selbstbewusst und burschikos agierte wie die Version in Maria Peters Film: Eine beeindruckende Figur ist sie in jeden Fall, vor allem auch eine, die als Vorbild für die Gegenwart taugt.
 
Michael Meyns