Die Ermittlung

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Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse gelten als die wichtigste juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen im KZ Auschwitz. Dem Dramatiker Peter Weiss diente der Prozess 1965 als Vorlage für ein monumentales Theaterstück, Regisseur RP Kahl legt fast 60 Jahre später nun seine Kino-Version vor. Und trotz des minimalistischen Settings ist fast alles an diesem Film ausufernd und grenzüberschreitend: die Laufzeit, die Vielzahl an namhaften Darstellern aus TV und Kino sowie, natürlich, das Thema selbst. „Die Ermittlung“ ist ein außergewöhnlicher, provokanter Film, angesiedelt zwischen Gerichts-Drama, Experimentalfilm und Theater.

Deutschland 2024
Regie: RP Kahl
Buch: Peter Weiss
Darsteller: Sascha Göpel, Rainer Bock, Clemens Schick, Christiane Paul, Bernhard Schütz

Verleih: Leonine
Länge: 240 Minuten
Kinostart: 25. Juli 2024

FILMKRITIK:

Während des Verfahrens befragen ein Richter (Rainer Bock), ein Verteidiger (Bernhard Schütz) und ein Ankläger (Clemens Schick) fast 30 Zeugen, die von ihren Erlebnissen und Beobachtungen in Auschwitz berichten. Zusätzlich sagen elf ehemalige Mitglieder der Lagerverwaltung vor Gericht aus. Die 18 Angeklagten müssen sich die Aussagen der Zeugen anhören und zu den grauenvollen Anschuldigungen Stellung beziehen.

RP Kahl verfilmte mit „Die Ermittlung“ das gleichnamige Theaterstück des Schriftstellers Peter Weiss. Als Grundlage dienten Weiss unzählige persönliche Aufzeichnungen, Zeitungsartikel der damaligen Zeit und Original-Protokolle des 20 Monate währenden Prozesses. Kahl gebührt allein für das Vorhaben einer filmischen Adaption dieser intensiven, epischen Vorlage Respekt, für die letztendliche Umsetzung ebenso. Auch wenn es herausfordernd sein dürfte, eine hohe Anzahl an Menschen in die Kinos zu locken.

Das beginnt bereits bei der Länge von vier Stunden. 240 Minuten, die sich ausschließlich aus Verhören zusammensetzen. Die Aussagen der Zeugen gewähren ausführliche Einblicke in die unerträgliche Gewalt und die unvorstellbaren Alltagszustände im Todes- und Vernichtungslager. Rezitierend, meist stoisch und distanziert kühl, geben die Zeugen, gespielt ausnahmslos von prominenten deutschen Darstellern, die Original-Aussagen wider.

Darunter ein inhaftierter Häftlingsarzt, der seine ganz eigene Erklärung dafür hat, wieso sich die Deportierten nicht gegen die Vergasung zur Wehr setzten: „Verstört und stumm ließen sie sich töten, weil sie nichts verstanden.“ Oder die erschütternden Zeugnisse einer Frau, die von menschenverachtenden medizinischen Experimenten im berüchtigten Frauenblock 10 berichtet. Dabei ist es nicht nur verstörend, was die Zeugen von sich geben, sondern wie sachlich und (scheinbar) ungerührt sie es tun. Ebenso wie die sich unbeteiligt und unwissend gebenden Angeklagten, darunter Ex-Gestapo-Mitarbeiter, SS-Schergen, frühere Aufseher und damalige Auschwitz-Kommandanten.

Kahl positioniert die Angeklagten links seitlich hinter der Bühne, auf der die Zeugen ihre Aussagen machen. Links davon sitzt der Verteidiger, rechts der Ankläger (mit einem Hauch von Menschlichkeit in den Augen: Clemens Schick). Charakterdarsteller Rainer Bock verkörpert den undurchschaubaren Richter. Die Vernehmung eines Angeklagten, SS-Untersturmführers Stark, bleibt besonders im Gedächtnis. Seine Äußerungen über die Massenvernichtungsaktionen als reiner Akt der Bürokratie, die es abzuarbeiten gilt, bringen die ganze unaussprechliche Perversion des Tötungslagers Auschwitz-Birkenau radikal auf den Punkt.

Ob es sich bei „Die Ermittlung“ rein um abgefilmtes Theater handelt, muss jeder Zuschauer für sich bewerten und beantworten. Natürlich erinnert Kahls Version zu weiten Teilen an ein reines Theaterstück. Aber er setzt durchaus eigene Akzente, indem er vor allem dank der klug eingesetzten (Licht-)Technik visuelle Schwerpunkte setzt und so eigene dramaturgische Ansätze verfolgt. Je nach Thema, inhaltlichem Aspekt und befragter oder befragender Person variieren zudem Farbe und Farbgebung. Oft nur in Nuancen, aber subtil stets wahrnehmbar.

Und nicht zuletzt erinnert „Die Ermittlung“ an Perspektiven und Aspekte des „Gesamtkomplexes Auschwitz“, die für den oder anderen vielleicht weniger geläufig sind. Darunter die Frage nach der Entlohnung der KZ-Häftlinge in den KZ-Betrieben und wie den Angeklagten scheinbar so mühelos ein Neustart gelingen konnte: eine Rückkehr ins zivile Leben nach der Zeit in Auschwitz.

 

Björn Schneider