Die feine Gesellschaft

Bruno Dumont erzählt mit arg bizarrem Humor von zwei gegensätzlichen Familien in der Normandie um 1900. Die prachtvoll ausgestattete Gesellschaftsgroteske ist kein leichter Film, die wenig eingängige Geschichte ist eine burleske, zeitweilig ziemlich makaber-böse Romeo-und-Julia-Variante, die sich letztlich einer Genre-Einordnung entzieht und zwischen Slapstick, exaltierten Späßen und blutigem Ernst operiert.

Webseite: www.neuevisionen.de

Originaltitel: Ma loute
Frankreich/Deutschland 2016
Regie und Drehbuch: Bruno Dumont
Darsteller: Fabrice Luchini, Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi, Jean-Luc Vincent, Brandon Lavieville, Didier Després, Cyril Rigaux, Laura Dupré
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 26. Januar 2017

FILMKRITIK:

Hier regiert der „Grand Guignol“: einst bekannt als sehr spezielle französische Form des Horrortheaters mit extrem rabiatem Humor, angereichert mit Slapstick, kräftig durch die Gagmaschine gedreht und on the top garniert mit einer unübersehbaren Gesellschaftskritik. Da gibt es auf der einen Seite die Reichen: Sie leben in einem prächtigen Haus, das aussieht wie die Playmobil-Version eines altägyptischen Tempels, so etwas wie Abu Simbel in der Normandie. Dieses Haus thront über einer herrlichen Meeresbucht und beherbergt im Sommer die „feine Gesellschaft“, bestehend aus der durch jahrhundertelange Inzucht versauten Familie der van Peteghems. Unten in der Bucht am Meer leben die armen Fischer, zu denen auch die Familie Rohbrecht gehört. Sie verdienen sich ein Zubrot mit dem Transport von Sommerfrischlern über die Bucht, und ansonsten können sie vermutlich keinen Fisch mehr sehen und verspeisen daher auch mal Touristen. Deren Verschwinden ist mittlerweile schon aufgefallen, und daher reist ein Polizistenduo aus Calais an: zwei Herren in schwarzen Anzügen, die ihre Köpfe hauptsächlich dafür benutzen, um Hüte zu tragen. Sie sehen aus wie Stan und Laurel bzw. wie die beiden unfähigen Comic-Detektive Thomson und Thompson und slapsticken sich durch die Landschaft, dass es nur so kracht. Zwischen Lümmel, einem der Rohbrechts, und Billie, einem Mitglied des van Peteghem-Clans von ungewisser Geschlechtszugehörigkeit, entwickeln sich schließlich zarte Bande, so dass die beiden Familien sich zwangsweise mehr miteinander beschäftigen müssen.
 
Bruno Dumont wollte viel, möglicherweise zu viel. Er wünschte sich eine Komödie, die zu den Wurzeln des Kinos führt. Das ist ebenso offensichtlich wie seine Neigung zu Extremen und wie der satirische Charakter seiner Story. Viel zu lachen gibt es jedoch nicht, auch wenn der Slapstickwitz des frühen Wanderzirkuskinos manchmal überdeutlich sichtbar wird. Andauernd fällt jemand hin oder um, was auf Dauer ziemlich ermüdend sein kann. Und was die Satire betrifft: Die beiden originellen Familien – die einen Kannibalen, die anderen Inzestopfer – könnten irgendwie symbolisch für Frankreich vor dem 1. Weltkrieg stehen und den Weg ins Heute weisen. Die Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Klassen, die Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren, und das beinahe trotzige Beharren auf einmal erworbene Positionen sprechen dafür. Aber warum? Dazu noch die Liebesgeschichte zwischen einer transsexuellen Persönlichkeit aus dem Lager der Reichen und einem proletarischen Menschenfresser …
 
Der Wille zur Originalität springt aus allen Knopflöchern, bleibt aber letztlich „l’art pour l’art“, also Kunst um der Kunst willen, die sich der Interpretation eher entzieht, als sie zu erleichtern. Es gibt viele Ideen, aber sie passen nur bedingt zusammen. Die Stars geben im wahrsten Sinne des Wortes alles: Fabrice Luchini, Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi spielen die erwachsenen Mitglieder der Familie van Peteghem als stark überzogene Karikaturen.
 
Die Landschaft der Normandie mit ihrer überwältigenden Schönheit wird letztlich zum Hintergrund einer toll ausgestatteten, sehr einfallsreichen Geschichte, die leider nicht vollends überzeugen kann und sowohl inhaltlich als auch formal eher ausgefuchste Cineasten als das große Publikum ansprechen könnte.
 
Gaby Sikorski

Frankreichs rigoroser Filmer Bruno Dumot bleibt seinem Ruf treu und präsentiert eine bitterböse Groteske der gesellschaftskritischen Art. Eine schrullige Snob-Sippe mit Inzest-Problemen verbringt den Urlaub an der Küste. Dort lauert eine arme Fischerfamilie, die ihren Speisezettel mit ungewöhnlichen Methoden aufbessert. Immer mehr Touristen verschwinden. Ein sonderbares Dick und Doof-Duo der Polizei übernimmt den mysteriösen Fall – an dem Monty Python-Fans ihren Spaß haben dürften. Böse. Böser. Bruno Dumot!

Er gehört in die kleine Riege radikaler Regisseure, die konsequent ihr Ding machen: Gleich mit seinem zweiten Streich „L’Humanité“ sorgte Bruno Dumont 1999 in Cannes für Kontroversen. In diesem Jahr erging es dem einstigen Philosophie-Dozenten und Werbefilmer ganz ähnlich. Die einen stöhnten über eine überbordende Farce, die zu abgefahren, überkandidelt und selbstgefällig daherkommt. Die anderen feierten eine bitterböse Gesellschaftskritik mit einem Füllhorn fantastisch absurder Ideen à la Monty Python. Polarisiertes Publikum – was will Filmkunst mehr?
 
Anno 1910 verschwinden in einem kleinen Badeort an der französischen Kanal-Küste immer wieder Urlauber. Ein unglaublich dicker Inspektor und sein trotteliger Assistent stochern bei ihren Ermittlungen am Strand ziemlich im Dunkeln. Der Fettwanst purzelt die Dünen hinab. Sein Helfer stolpert hilflos hinterher. Beide ahnen nichts davon, dass die arme Muschelsammler-Sippe der Bruforts (ein Wortspiel: brute force= rohe Kraft“) ihren bescheidenen Mittagstisch gerne mit unkonventionellen Methoden aufbessert. Ebenso wenig schwant der schwerreichen Familie Van Peteghem, welch’ garstiges Unheil ihnen in ihrer vornehmen Sommerfrische drohen könnte. Als deren burschikose Tochter Billie zum Flirtobjekt des grobschlächtigen Sohns des Brufort-Clans avanciert, entwickelt sich eine Romeo-und-Julia-Romanze der etwas anderen Art, Transgender-Kapriolen inklusive. Dem ungewöhnlichen Vornamen des jungen Lovers mit den schlechten Zähnen verdankt diese Farce denn auch ihren seltsamen Titel.
 
Dumot besetzt sein Figurenkarussell wie aus einer Geisterbahn: Das schrullige Oberhaupt der vermögenden Urlauber hat einen gewaltigen Buckel zu schleppen, kippt gern vom Stuhl und tut sich beim Reden reichlich schwer. Die exzentrische Tante (famos durchgeknallt: Juliette Binoche) fällt von einem hysterischen Anfall in den nächsten. Derweil die androgyne Tochter ihr ganz eigenes Versteckspiel zelebriert. Verwandtschaftliche Verhältnisse werden bei den Van Peteghems nicht ganz so genau genommen. Ob Cousin oder vielleicht Schwager, egal. Im Vergleich zu diesen inzestuösen Snobs scheint die derbe Familie der einheimischen Muschelsammler regelrecht normal – von ihren lukullischen Vorlieben einmal abgesehen.
 
Während die bizarren Akteure in dieser Menagerie mit unbeschwertem Mut zur Hässlichkeit auflaufen, erscheint die Natur in betörender Schönheit: Eindrucksvolle Küstenlandschaften in das Licht der blauen Stunde getaucht als wären es Gemälde. Vor solch grandioser Kulisse fallen die Abgründe der Menschen gleich noch ein bisschen fieser aus: Böse. Böser. Bruno Dumont!
 
Dieter Oßwald