Die Frau des Polizisten

„Die große Stille“ hieß Philips Grönings letzter Film. Auch in seinem neuen geht um Stille, oder besser gesagt: um Schweigen. Dass ein Mann regelmäßig seine Frau verprügelt, sie buchstäblich grün und blau schlägt, das gehört noch immer zu den großen Tabus in unserer Gesellschaft. Oft bleiben diese Frauen isoliert und finden keine Hilfe. Aber Gröning erzählt auch, wie inmitten der Gewalt die Liebe entsteht. Mit seinem radikalen Film gewann er 2013 den Spezialpreis der Jury in Venedig.

Webseite: www.die-frau-des-polizisten.de

Deutschland 2013
Regie, Buch, Kamera, Produzent: Philip Gröning
Darsteller: David Zimmerschied, Alexandra Finder, Pia und Chiara Kleemann, Horst Rehberg
Länge: 172 Minuten
Verleih: 3L Filmverleih
Kinostart: 20. März 2014

PRESSESTIMMEN:

"Philipp Gröning ist eine bedrohlich intensive und verstörende Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt in der Ehe gelungen. …Ein beklemmender und beeindruckender Film, der sich einer Schwarz-Weiß-Zeichnung verweigert und den Zuschauer in jeglicher Form herausfordert. – Prädikat besonders wertvoll."
Filmbewertungsstelle Wiesbaden

FILMKRITIK:

Eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. Uwe (David Zimmerschied) ist Polizist. Verheiratet mit Christine (Alexandra Finder). Und Vater der etwa fünfjährigen Clara (Pia und Chiara Kleemann). Ein glückliches Leben, eigentlich. Mit wenig Geld, aber einem Haus. Aber Uwe rastet aus, regelmäßig. Prügelt auf Christine ein, grundlos scheinbar. Ihr Körper ist übersät mit blauen Flecken. Dennoch kann Christine ihn nicht verlassen. Und sie muss Clara schützen. Will ihr einen guten Start ins Leben bereiten. Ihr die Natur zeigen, die Tiere. Die Liebe. Auch die zu ihrem Vater, der damit oft nicht umgehen kann. Der sich ausgesperrt fühlt aus dem engen Verhältnis zwischen Clara und Christine.
 
„Du bist doch eigentlich ein Guter!“, sagt Christine einmal über den Mann, der sie so malträtiert. Und sie hat recht damit. Eigentlich könnte Uwe ein netter junger Mann sein. Der Polizist wurde, weil er helfen will. Der seine Tochter an die Hand nimmt und seine Frau liebt. Aber Uwe ist hilflos. Überfordert. Wenn er schlägt, dann immer aus einer Position der Schwäche. Weil er Nähe nicht ertragen kann und doch so sehr einfordert.
 
Philip Gröning fordert kein Mitleid für diesen Mann. Er zeigt ihn und sein Verhalten nur. Beobachtet ihn. Nähert sich ihm. So wie auch Christine, die langsam, aber unweigerlich untergeht. Und wie Clara. Ihr kommt Gröning so nahe wie fast nie ein Film einem Kind. Selten gelingen Szenen mit kleinen Kindern so berührend, so zärtlich wie hier. Sie sind das Gegengewicht zur Gewalt.
 
Dass Gröning seinen Figuren so nahe kommt, liegt an der radikalen Erzählweise. Mit aller Macht weigert er sich, eine lineare Spielhandlung entstehen zu lassen. Der knapp dreistündige Film ist in 59 Kapitel unterteilt, die jeweils durch eine Schwarzblende und die Zwischentitel „Ende Kapitel 1“, „Kapitel 2“ angekündigt werden. In einem dieser Kapitel beobachtet die Kamera lediglich ein Eichhörnchen, das durch den Wald springt. In anderen singen die Charaktere einfache Kinderlieder direkt in die Kamera.
 
Sperrig ist Grönings Film, das darf man sagen. Weil er radikal auf dem Vorrang der Bilder vor einer romanhaften Dramaturgie besteht. Die ständigen Kapitelankündigungen mögen auf Dauer frustrierend sein, weil sie den Zuschauer immer wieder aus dem Fluss der Erzählung reißen. Genaus das aber will Gröning. Bei ihm hat die verdichtete Szene, die Miniatur ein Anrecht auf eigenständige Entfaltung. Die verschiedenen Sequenzen setzen sich im Kopf des Zuschauers doch zusammen, aber auf ganz eigene Weise. Keine, die die Regie vorgibt. Und doch ist es natürlich der Blick des Regisseurs, Drehbuchautors und Kameramannes Philip Gröning, der den Zuschauer leitet. Es ist ein sehr zärtlicher Blick auf uns Menschen und unsere Gefühle. Eben diese Gefühlswelt ist es, die er sichtbar macht. Es geht ihm nicht um ein Problem. Sondern um Seelenzustände. Um die so wunderbare Neugierde Claras. Und um die so unerträgliche Angst Uwes, die sich in Gewalt entlädt.
 
Oliver Kaever