Die Frau mit der Kamera

Fast 20 Jahre nach dem Tod der Fotografin Abisag Tüllmann hat ihre langjährige Freundin Claudia von Alemann einen Film über Leben und Werk einer der wichtigsten Chronisten der alten Bundesrepublik gedreht. Auch wenn "Die Frau mit der Kamera – Porträt der Fotografin Abisag Tüllman" bisweilen nach höherer künstlerischer Relevanz strebt, überzeugt die Dokumentation vor allem als Einblick in das Werk einer Fotografin mit besonderem Blick auf die Gegenwart.

Webseite: www.filmkinotext.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie: Claudia von Alemann
Länge: 92 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 23. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

Eine langjährige Freundschaft verband die Regisseurin Claudia von Alemann, die vor allem für ihren Spielfilm "Die Reise nach Lyon" von 1981 bekannt ist, und die Fotografin Abisag Tüllmann, die seit den späten 50er Jahren bis zu ihrem Tod 1996 auf vielfältige Weise die Welt der alten Bundesrepublik in Bilder fasste. Dass nun, fast 20 Jahre nach dem Tod Tüllmanns ihre alte Freundin einen Dokumentarfilm über die Fotografin vorlegt verspricht eine besonders persönliche, intime Annäherung, eine Erwartung, die aber kaum erfüllt wird. "Die Frau mit der Kamera" ist über weite Strecken ein traditioneller biographischer Dokumentarfilm, der anhand von Interviews mit Zeitzeugen, Archivmaterial und vor allem zahlreichen der vielfältigen Fotos Abisag Tüllmanns, Leben und Werk der Künstlerin penibel nachzeichnet.

Nur wenige Worte werden dabei über Kindheit und Jugend Tüllmanns verloren, dabei wirkt gerade ihre Herkunft von Bedeutung und dürfte nicht unerheblichen Einfluss auf ihre späteren Interessen gehabt haben. Geboren 1935, hatte Tüllmann einen jüdischen Großvater, was ihre Mutter in der Terminologie der Nazis zur "Halbjüdin" machte. Welchen Einfluss das Schicksal des Vaters, der gegen Ende des Krieges zur Zwangsarbeit nach Schlesien geschickt wurde und starb, bevor er Frau und Tochter nach Kriegsende wiedersehen konnte, auf Tüllmann hatte, bleibt leider offen. Schnell hakt von Alemann die Jugendjahre Tüllmanns ab, ihre Ausbildung zur Werbefotografin und erste Projekte als Freie Bildjournalistin und springt in die 60er Jahre und dem kennenlernen der beiden Frauen.

In Momenten wird "Die Frau mit der Kamera" hier zu einem Porträt einer Zeit der Umbrüche, die für die Gesellschaft als Ganzes, aber auch für den deutschen Film von großer Bedeutung war. Sowohl Tüllmann als auch von Allemann berührten die deutsche Filmgeschichte zwar nur am Rand, aber bisweilen an entscheidenden Momenten: Beim Kurzfilmfestival in Oberhausen fotografierte Tüllmann etwa, auch im Jahr 1962, als das Oberhausener Manifest beschlossen wurde, dass den Weg des deutschen Kinos nachhaltig veränderte. Jahre später sollte Tüllmann in einem wichtigen Film selbst eine kleine Rolle spielen: In Helke Sanders "Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – Redupers" spielt sie quasi sich selbst, eine Fotografin, die sich mit der ebenfalls fotografierenden Hauptfigur in der Dunkelkammer über ihre Arbeit unterhält.

Viel wichtiger als sporadische Arbeiten als Setfotografin waren aber Tüllmanns Reportagen über Deutschland. Besonders in ihrer Wahlheimat Frankfurt am Main war sie aktiv, fotografierte die Anfänge der Studentenbewegung (manches berühmte Foto mit dem noch radikalen Joschka Fischer aus der damaligen Zeit stammt von ihr), die Größen der Gesellschaft, aber nicht zuletzt auch die andere Seite des Wirtschaftswunders: Die Obdachlosen, die Armut der Großstadt. Dieses Interesse, auch die andere Seite zu sehen mag Tüllmann auch immer wieder nach Algerien, später auch nach Südafrika und das damals noch kurz vor der Unabhängigkeit stehende Rhodesien (dem heutigen Simbabwe) geführt haben, wo Reportagen über Unterdrückung und die Folgen der Kolonialherrschaft entstanden.

Zahlreiche der Bilder Tüllmanns zeigt von Alemann, die meist mehr über die Fotografin, ihr Wesen und ihre Gedankenwelt erzählen, als sporadisch eingefügte Anekdoten von Zeitzeugen. Das Vergnügen an der Bildbetrachtung wird allein durch von Allemanns Entscheidung geschmälert, die Bilder mit einer höchst anstrengender, asynchroner Neuen Musik zu untermalen. Dieses Bemühen, den Bildern Tüllmanns besondere künstlerische Relevanz zu verleihen, wäre gar nicht nötig gewesen, ihr besonderer Blick auf unterschiedlichste Facetten der alten Bundesrepublik ist unübersehbar.
 
Michael Meyns