Die Geburt des Leoparden

Der Roman mit dem rätselhaften Titel „Il Gattopardo“ – „Der Leopard“, gilt mittlerweile längst als Klassiker der Weltliteratur. Fast anderthalb Jahrhunderte später folgt Regisseur Luigi Faloni „Die Geschichte vom weinenden Kamel“) in seiner faszinierenden Doku den Spuren seines adligen Autors Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Denn nicht nur die Entstehungsgeschichte dieses eleganten und ironischen Abgesangs auf den sizilianischen Adel, der den Untergang als Menetekel der Moderne schildert, ist ungewöhnlich. Dahinter verbirgt sich eine weitere großartige Geschichte, nämlich die Liebe zwischen dem Schriftsteller und seiner Frau, der Deutschen aus der Ostsee, der Psychoanalytikerin Alexandra von Wolff-Stomersee. Und last but not least verfilmte Lucchino Visconti den Jahrhundertroman kongenial mit hochkarätiger Besetzung und erhielt die Goldene Palme in Cannes.

Website: www.filmweltverleih.de

Deutschland, Italien, Lettland 2019
Regie: Luigi Faloni
Darsteller: Gioacchino Lanza Tomasi David Gilmour Karina Tatarinova
Guido Cavallaro, Gioacchino Turdo, Marco Fee, Giuditta Perierra, Ferdinando Gattuccio Palma Macri Sarmite Vucane.
Länge: 104 Minuten
Verleih: Kick Film / Filmwelt Verleihagentur
Kinostart: 5.3.2020

FILMKRITIK:

„Wen der Herrgott bescheissen will, den lässt er in Palermo zur Welt kommen“, sagt Giuseppe Tomasi di Lampedusa zu seinem Neffen. „Aber du Gioacchino bist in Rom geboren, vielleicht wirst du es schaffen“. Gioacchino Lanza Tomasi blickt dabei verschmitzt lächelnd in die Kamera als er sich an den Ausspruch seines Onkels erinnert. Dahinter steht die Vision des ewig stolzen und ewig geprügelten, trotzdem unverwüstlichen Sizilien unter sengender Sonne. Geschafft haben es letztlich beide. Giuseppe Tomasi di Lampedusa freilich posthum, als er seinen ersten und einzigen Roman verfasste. Einen eleganter und ironischer Abgesang auf den sizilianischen Adel, eigentlich auf seine eigene Herkunft.

Eine Archivaufnahme zeigt wie sein Jahrhundertwerk nach seinem Tod 1959 mit dem „Premio Strega“, dem renommiertesten Literaturpreis Italiens, ausgezeichnet wird. Spätestens im Jahre 1963, als die hochkarätig besetzte Verfilmung Viscontis bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldenen Palme erhält, ist der Roman weltberühmt. Und Claudia Cardinale, die in Viscontis Epos Angelica, die schöne Tochter aus bürgerlichen Verhältnissen spielt, posiert am Strand von Cannes mit einem echten Leoparden als PR-Gag.

Doch wer war dieser Literatur begeisterte, sizilianische Aristokrat? Ein Blick in die Kindheit verrät, dass Giuseppe seiner Mutter, einer Frau mit einer starken Persönlichkeit, sehr nahe stand. Jahrelang gab sie ihm Mädchennamen, in Erinnerung an ihre Tochter, die fast gleichzeitig starb als Giuseppe geboren wurde. Seine lebenslange Beziehung zu ihr hatte fast symbiotische Züge. Der Junge verbringt die meiste Zeit damit, viel zu lesen. „Ich war ein Junge, der Einsamkeit mochte, der lieber mit Dingen als mit Menschen zusammen war.“, heißt es.

Wenig hielt er scheinbar von fürstlichen Vergnügungen wie Jagd, vor allem auf Singvögel. Ein traumatisches Erlebnis. Nachgestellt, wie auch andere Sequenzen, taucht es im zentral im Dokudrama, auf. Jahre später kommt es zu einer wichtigen Begegnung. Auf seinen Reisen kreuz und quer durch Europa ist Giuseppe Tomasi öfter zu Gast bei seinem Onkel Pietro Tomasi della Torretta in London. Dessen Frau, eine italienische Sängerin, war zuvor in Sankt Petersburg mit einem lettischen Baron und Staatsrat des Zaren verheiratet. Aus dieser Ehe brachte sie zwei erwachsene Töchter in die Familie.

Und so lernt Giuseppe Tomasi 1925 in London Alexandra Wolff Stomersee kennen. Die 30-jährige studierte in Berlin und Wien und lebte als Herrin auf dem väterlichen Schloss bei Riga. Dort praktizierte sie als Psychoanalytikerin. In Gesprächen über Literatur kommen die beiden sich näher. 1932 heiraten die beiden in Riga ohne Wissen seiner Familie. Ein mächtiger Affront und keine einfache Beziehung. Fast zwei Jahrzehnte lang pendelt das Paar zwischen Lettland und Sizilien, Nord und Süd. Tomasis Mutter kann sich mit der russisch-orthodoxen Intellektuellen, die ihr Sohn Licy nennt, nicht anfreunden.

Das beruht freilich auf Gegenseitigkeit. Tomasi gelingt es nicht die beiden Frauen zu befrieden. Auf Dauer nach Palermo kommt Licy erst 1943, als ihr der Ausgang des Kriegs absehbar erschien. Zu der Zeit hatten den Lampedusa-Palast schon amerikanische Bombardements in Trümmer gelegt. Nur seine Bibliothek rettete der Fürst. Doch noch Mitte der achtziger Jahre fand sein britischer Biograf David Gilmour in der unaufgeräumten Palastruine Fotos und Familienpapiere. Danach kauft man ein altes Stadthaus, das einst im Besitz des als „Gattopardo“ verehrten Urgroßvaters gewesen war. Alexandra Wolff eröffnete dort eine eigene Praxis.

Sie setzt sich bald als Organisatorin für die Verbreitung der Psychoanalyse in Italien ein. Ihren Mann zu einer Analyse zu überreden gelang ihr zwar nicht. Dafür aber ermunterte sie den enttäuschten, vom Krieg traumatisierten, Flaneur, der zu viel raucht und zu viel Kaffee trinkt, zu schreiben. Denn Tomasis glücklichste Stunden waren die abendlichen, in denen Licy und er einander abwechselnd vorlasen. Hauptsächlich Gedichte, in vier Sprachen quer durch die europäische Literatur. Über das Herzstück des Films, die Beziehung der beiden, hätte man gerne noch mehr erfahren.

Wie der Roman, der voll ist von Anspielungen auf die Topographie Palermos und Siziliens, wandelt auch das interessante Dokdrama des Italieners Luigi Falonis auf diesen Spuren. Bilder von Santa Margherita Belice bei Trapani und Palma di Montechiaro, zwei kleine Städte, gegründet von den Vorvätern des Autors, füllen die Leinwand. Denn schließlich inspirierte der Palazzo Cutó in Santa Margherita, den sein Onkel 1921 verkauft hatte, zur Beschreibung des fiktiven Palastes mit seinem Ballsaal. Und am Ende schließt die Szene auf Palermos Friedhof Cimiterio Dei Capuccini am Grab des Schriftstellers den Kreis. Als Giuseppe Tomasi di Lampedusa 1957 starb, war er mittellos. Noch einmal klingt im Gespräch zwischen dem Neffen und seinem Sohn die wunderliche Erfolgsgeschichte des Jahrhundertromans an.

Luitgard Koch