Die Geschwister

Kaum ein Thema wird in Berlin so intensiv diskutiert wie die Gentrifizierung und die mit ihr einhergehende Wohnungsknappheit. Doch auch wenn dieses Thema in „Die Geschwister“ stets mitschwingt, ist Jan Krügers vierter Film alles andere als ein trockenes Sozialdrama – im Gegenteil. Krüger erzählt in klassischer Berliner-Schule-Manier von einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung und fängt die spezielle Atmosphäre des Berliner Bezirks Neukölln in flirrenden Bildern ein.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland 2016
Regie: Jan Krüger
Buch: Jan Krüger & Anke Stelling
Darsteller: Vladimir Burlakov, Julius Nitschkoff, Irina Potapenko, Hilmi Sözer, Franziska Wulf, Marie-Lou Sellem
Länge: 89 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 3. Oktober 2016
 

FILMKRITIK:

Thies (Vladimir Burlakov) ist Mitarbeiter einer Immobilenverwaltungsgesellschaft und als solcher Teil eines der brennendsten Themen der Hauptstadt: Wohnungsnot, Gentrifizierung, dem Kampf um den immer enger und begehrter werdenden Wohnraum. Sympathien für die Nöte der Wohnungssuchenden hat Thies nicht, er lässt die Bewerber Zettel ausfüllen, Unterlagen zusammen suchen, wohl wissend, dass die meisten von ihnen keine Chancen auf begehrte Wohnungen haben und oft selbst für Bruchbuden nicht in Frage kommen.

Bei einer dieser Wohnungsbegehungen begegnet ihm jedoch Bruno (Julius Nitschkoff), ein junger, gutaussehender und höchst selbstbewusster Typ. Später am Tag laufen sich die beiden wieder über den Weg, vielleicht zufällig, vielleicht auch nicht, ein paar Worte, vor allem aber Blicke werden gewechselt, Thies nimmt Bruno mit nach Hause, sie haben Sex. Große Bedeutung scheint keiner der Beiden dieser Begegnung beizumessen, doch zunehmend wächst Thies Faszination für Bruno – und dessen Schwester Sonja (Irina Potapenko), die Teil einer ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung wird.

Unter der Hand besorgt Thies den tatsächlichen oder angeblichen Geschwistern eine Wohnung, hilft ihnen mehr, als er lange einem anderen Menschen geholfen hat und sieht sich zunehmend mit Fragen konfrontiert, die sein Selbstverständnis auf die Probe stellen: Warum ist er auf einmal so hilfsbereit, was für eine Arbeit ist das eigentlich, bei der er fast täglich Menschen in Existenznöten begegnet und vor allem: Was für ein Verhältnis hat er mit den ungewöhnlichen, geheimnisvollen Geschwistern.
Ein bisschen wirkt der vierte Film von Jan Krüger wie ein verspäteter Beitrag zur so genannten Berliner Schule. Während sich deren Vertreter wie Christian Petzold, Thomas Arslan oder Ulrich Köhler inzwischen in andere Richtung entwickelt haben, wirkt „Die Geschwister“ in seinem bewusst eingesetzten Minimalismus, den oft kaum wahrnehmbaren emotionalen Regungen der Protagonisten, geradezu klassisch. Kaum eine Mine verzieht etwa Vladimir Burlakov, ist passiver Teilnehmer seines eigenen Lebens, lässt sich von äußeren Umständen treiben, verlässt lange nicht die Wege, die seine Berufswahl ihm vorgegeben zu haben scheinen.

Ganz anders Bruno, der stets ein süffisantes Lächeln auf den Lippen trägt und sich in der Rolle des geheimnisvollen Unbekannten gefällt. Nur wenige Andeutungen über die Hintergründe des Geschwisterpaares streut Krüger ein, lässt ihre Herkunft und ihre Intentionen im Dunkeln. Nicht Vergangenheit oder Zukunft spielen die wichtigste Rolle, sondern die Gegenwart, das Jetzt. In flirrenden Bilder fängt Krüger die spezielle Atmosphäre auf den Straßen des oft als Problembezirk beschriebenen Berliner Stadtteils Neukölln ein, beobachtet das Trio bei seinen Streifzügen durch die Nacht, beim Leben und Lieben. Gerade diese Beiläufigkeit, das Lässige, Hingeworfene macht den besonderen Reiz von „Die Geschwister“ aus, ein Film, der auf unaufgeregte, unterschwellige Weise viel über Berlin und seine Bewohner, ob alt oder neu, erzählt.
 
Michael Meyns