Die Grundschullehrerin

Flo (Sara Forestier) geht ganz in ihrem Beruf als Lehrerin in einer französischen Grundschule auf: Sie unterrichtet sogar ihren Sohn und wohnt mit ihm im Schulgebäude. Doch die Begegnung mit einem schwierigen Kind, das sie unter ihre Fittiche nimmt, stellt ihr gesamtes Lebensmodell in Frage. Besonders schön an der turbulenten Dramödie übers Lehren und Lernen ist die positive Energie, die direkt von der Leinwand ins Publikum strömt. Dabei geht es nur auf den ersten Blick um Kinder und Schule – tatsächlich handelt der Film eher vom Beruf als Berufung.

Webseite: www.alamodefilm.de

Originaltitel: Primaire
Frankreich 2017
Regie: Hélène Angel
Buch: Hélène Angel, Yann Coridian, Olivier Gorce, Agnès de Sacy
Darsteller: Sara Forestier, Vincent Elbaz, Albert Cousi, Guilaine Londez, Hannah Brunt, Olivia Coté
Länge: 105 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 15. Februar 2018

PRESSESTIMMEN:

„Berührend und perfekt inszeniert. Ein Film, der begeistert!"
Le Parisien
„Ein warmherziger Film voller Hoffnung."
Le Figaro
„Die Grundschullehrerin ist eine heimliche Heldin des Alltags… Der Film ist feinfühlig und pointiert, ungemein authentisch…“
Filmstarts

FILMKRITIK:

Eigentlich hat Flo niemals Ferien. Sie wohnt allein mit ihrem Sohn Denis, der in ihre 5. Klasse geht, in einer Wohnung im Schulgebäude, und wenn sie gerade nicht unterrichtet, beschäftigt sie sich mit Vorbereitungen, Korrekturen oder mit Eltern, Kollegen oder mit ihrem Chef, dem Direktor. Ein Privatleben gibt es nicht, und verständlicherweise ist Denis davon nicht allzu begeistert, anstelle einer Mutter eine Klassenlehrerin zu haben. Flo ist nicht nur die größte Idealistin, die man sich als Lehrerin vorstellen kann, sondern sie will auch stets alles allen recht machen, die geborene Musterschülerin! Und so merkt sie in ihrem Perfektionismus nicht einmal, was sie alles verpasst. Wahrscheinlich hält sie die Schule für das wahre Leben. Damit sie selbst merkt, was sie mich sich und Denis anstellt, muss erst einmal was passieren: Ein neuer Schüler kommt in ihre Klasse – es handelt sich um ein echtes Problemkind. Sacha ist aggressiv und wird zu Hause vernachlässigt, das ist relativ schnell klar. Aber bald stellt sich heraus, dass seine Mutter schon vor einiger Zeit verschwunden ist und sich überhaupt niemand um ihn kümmert. Sara recherchiert und findet immerhin Mathieu, einen Ex-Lover von Sachas Mutter, den Sacha wenigstens in Maßen respektiert. Aber Mathieu kann Sacha nicht auf Dauer bei sich aufnehmen. Also, was tun? Sacha wird zu Flos Projekt und schließlich zur größten Bewährungsprobe.
 
Flo ist eine großartige Lehrerin, keine Frage. Aber mit dem Idealismus ist das so eine Sache: Einerseits ist er wichtig und richtig, schon allein, wenn man andere begeistern möchte. Andererseits ist bei vielen, nicht nur bei Lehrerinnen und Lehrern, die Leidenschaft für den Beruf eine wunderbare Ausrede, um sich nicht mit sich selbst oder mit dem Privatleben zu beschäftigen. Hier wird die Berufung zum Beruf und umgekehrt. Hobby, Job und Begabung verschmelzen miteinander, bis schließlich der Eindruck entsteht, dass Privates und Berufliches so untrennbar miteinander verbunden sind, dass die logische Folgerung irgendwann ein knackiger Burnout sein müsste. So ist es auch bei Sara, die vollkommen in ihrer Rolle als "Schulmutter" aufgeht und dabei ihr eigenes Kind vernachlässigt. Erst durch Mathieu denkt sie mal wieder daran, dass sie vielleicht auch sexuelle Bedürfnisse haben könnte.
 
Die grazile Sara Forestier spielt diese leidenschaftliche Pädagogin mit sehr viel emotionaler Eleganz und Energie. Wenn sie durch die Klasse wirbelt, hat sie trotzdem für jeden ein Ohr, sie stellt sich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Schüler ein, freut sich über kleinste Erfolge – kurz und gut: Sara Forestier spielt absolut hin- und mitreißend. Hélène Angel inszeniert mit leichter Hand und sehr einfühlsam die junge Darstellerin, die zu den größten Talenten der ohnehin gut besetzten französischen Schauspielerriege gehört. Vincent Elbaz spielt den Mathieu als lässig coolen Kerl, der Flo vollkommen nachvollziehbar vom ersten Moment an in Verwirrungen stürzt. Auch wenn die Love Story zwischen ihm und Flo absolut vorhersehbar ist, so bringt sie doch ein bisschen Zauber in den Film, der alles andere als eine Paukergeschichte ist, sondern ein richtig schönes, teilweise sehr witziges und ans Herz gehendes Lebensabenteuer.
 
Gaby Sikorski

Wie eine Lehrerin fast an den eigenen Ansprüchen verzweifelt, davon erzählt Hélène Angel in „Die Grundschullehrerin“. Sara Forestier spielt die Titelfigur, eine junge, überaus engagierte Frau, die einen Sohn hat und diverse Schüler, die um ihre Aufmerksamkeit streiten. Manchmal ein wenig didaktisch ist dieses Drama, vor allem aber eine mitreißend gespielte, sehr sehenswerte Ode an die Lehrer, die eine der prägendsten Phasen im Leben begleiten.

Florence (Sara Forestier) unterrichtet an einer Grundschule in Grenoble. Manchmal etwas wilde, aber doch liebe Schüler hat sie, darunter auch ihren Sohn Denis (Albert Cousi), mit dem sie in einer Wohnung im Schulgebäude lebt. Nicht nur räumlich auch emotional ist die Schule also das Zentrum ihres Lebens, eine Tatsache, die nicht nur Denis bemerkt. Der würde gern mit seinem Vater ein Jahr nach Indonesien gehen, ein Abnabelungsprozess von der Mutter, den diese unbedingt verhindert möchte.
 
Dabei hat sie gar nicht viel Zeit für ihren Sohn, denn ihre Schülern fordern viel Aufmerksamkeit. Zum Beispiel Sacha (Ghillas Bendjoudi), der oft ungewaschen und ungepflegt in der Schule erscheint, denn seine Mutter lässt ihn oft tagelang allein zu Hause. Mit zunehmender Verzweiflung versucht Florence Sacha zu helfen, zu verhindern, dass das Sozialamt eingeschaltet wird und der Junge in ein Heim kommt. Doch beim Versuch, Sacha zu helfen, gerät zunehmend ihr eigener Sohn ins Hintertreffen.
 
In einem deutschen Film über eine Grundschullehrerin wäre wohl unweigerlich von den so genannten Helikoptereltern die Rede, die allerhöchste Ansprüche an die Erziehung ihrer Sprösslinge haben. Vielleicht existiert diese sehr spezielle Spezies nicht in Frankreich, vielleicht liegt es aber auch am eher beschaulichen Schauplatz Grenoble, fernab der Hauptstadt Paris. Dort hatte vor zehn Jahren Laurent Cantets Cannes-Gewinner „Die Klasse“ gespielt, der ältere Schüler zeigte, aber in vielerlei Hinsicht ähnlich funktionierte wie nun „Die Grundschullehrerin.“ Noch mehr mag man bei Hélène Angels Film aber an Nicolas Philberts Dokumentation „Sein und Haben“ denken, der ebenfalls einen überaus engagierten Lehrer zeigte, der in einer kleinen Dorfschule unterrichtete.
 
Dass es sich hier jedoch um einen Spielfilm handelt merkt man Angels Film immer wieder an, gerade im Gegensatz zu Cantets oft dokumentarisch wirkendem „Die Klasse.“ Zwar verwendet auch Angel – abgesehen von den Schauspielern in den Rollen der Lehrer und Eltern – vor allem Laien, die sie jedoch in ein dramaturgisches Konstrukt einbindet, dass bisweilen ein wenig didaktisch und zugespitzt wirkt.
 
Mit zwei etwa gleichaltrigen Kindern hat es Florence zu tun, ihrem Sohn Denis und seinem Klassenkameraden Sacha, der sich fast zu einem Ersatzsohn zu entwickeln scheint, um die schweren Entscheidungen zu verdeutlichen, vor die sich Florence gestellt sieht: Wo liegen ihre Schwerpunkte? Will sie ihrem schon sehr selbstständigen Sohn beistehen oder sich mehr für ein offensichtlich hilfsbedürftiges Kind einsetzen, dass ihrer Hilfe weit mehr bedarf? Vor unmögliche Fragen stellt Angel ihre Hauptfigur, zeigt auf eindringliche Weise, wie diese sich in ihrem Bemühen, Gutes zu tun, mehr und mehr verrennt, um am Ende doch noch einen Mittelweg zu finden. Engagiertes Kino ist „Die Grundschullehrerin“, vor allem von Sara Forestier mitreißend gespielt und trotz manch didaktischer Note sehr sehenswert.
 
Michael Meyns