Die guten Feinde – Mein Vater, die Rote Kapelle und Ich

Als Widerstandskämpfer gegen die Nazis wurde Günther Weisenborn zum Tode verurteilt und überlebte nur zufällig. Nach dem Krieg versuchte er sich und seine Kameraden vom Vorwurf zu befreien, Marionetten der Sowjetunion gewesen zu sein, ein Anliegen, das nun sein Sohn Christian mit seiner Dokumentation „Die guten Feinde – Mein Vater, die Rote Kapelle und Ich“ weiterführt. Ein sehr persönlicher, subjektiver und dadurch mit Vorsicht zu genießender Film.

Webseite: www.salzgeber.de

Dokumentation
Deutschland 2016
Regie & Buch: Christian Weisenborn
Länge: 90 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 27. Juli 2017

FILMKRITIK:

Was für die einen Vaterlandsverräter sind, sind für die anderen Widerstandskämpfer, wer eben noch zum Tode verurteilt wird, nach dem könnte bald eine Straße oder eine Schule benannt werden. Besonders die bekanntermaßen nicht allzu umfangreiche Zahl an Widerstandskämpfern, die sich dem Nazi-Regime entgegenstellten, wurden in den ersten Nachkriegsjahren oft mit Skepsis betrachtet, bevor man sich ihrer besann und oft über die Maßen verklärte. Besonders für die adeligen Attentäter des 20. Juli gilt das, weit weniger für einen frühen Regimegegner wie Georg Elser.
 
Noch komplizierter ist die Bewertung von Widerstandskämpfern, die vom Nazi-Regime unter dem Begriff Rote Kapelle zusammengefasst waren. Was sie einte waren Kontakte zur Sowjetunion, die den Gruppen zumindest logistische Unterstützung zukommen ließ. Nach dem Ende des Kriegs verkomplizierte sich die Bewertung dieser Gruppen durch den Beginn des Kalten Kriegs. Aus Westdeutscher Sicht war auf einmal alles und jeder, der mit der gerade noch verbündeten Sowjetunion kooperiert hatte, verdächtig, die Widerstandsaktionen auf einmal nicht mehr bewundernswert sondern ein Teil kommunistischen Aktivismus.
 
So erging es auch dem Autor Günther Weisenborn, der während des Dritten Reichs nur knapp der Hinrichtung entging und nach dem Krieg alles dran setzte, seinen und den Ruf seiner Kameraden wiederherzustellen. Besonders eine Anklage gegen den Nazi-Richter Manfred Roeder strebte Weisenborn an, doch die politische Situation hatte sich nach dem Krieg so schnell geändert, dass viele Schreibtischtäter ihre Karrieren praktisch nahtlos in der Bundesrepublik fortsetzen konnten.
 
Weisenborn starb 1969, die Urteile gegen die Mitglieder der Roten Kapelle wurden erst 2009 aufgehoben. Fraglos einer der vielen Justizskandale, die bezeichnend für die allzu lasche Aufarbeitung des Dritten Reichs in den frühen Jahrzehnten der Bundesrepublik sind. Dies gilt ganz unabhängig davon, ob an den Vorwürfen, dass die Rote Kapelle von der UdSSR mehr als nur ein wenig unterstützt wurde, etwas dran ist, ein Vorwurf, der allem Anschein nach nicht aus der Luft gegriffen ist, was man jedoch nicht aus Christian Weisborns Film erfährt.
 
Günthers Sohn, der sich schon in „Verräterkinder“ mit seinem persönlichen Schicksal auseinandergesetzt hat, setzt seinem Vater und dessen Freunden in seiner neuen Dokumentation ein Denkmal. Ein empathisches, berührendes ohne Frage, allerdings auch ein betont subjektives, das kein Interesse daran zeigt, die Geschichte der Roten Kapelle wirklich in all ihrer Komplexität darzustellen. Angesichts der zahlreichen, sich immer noch unter Verschluss befindlichen Akten, die gerade in den Archiven des heutigen Russlands lagern, wäre das allerdings sicher keine leichte Aufgabe gewesen.
 
So liegt der Fokus von Christian Weisenborns Film vor allem auf dem ersten und letztem Teil des Titels, auf dem Vater und dem Ich: Der Vater, der nach dem Krieg als Autor, auch von Filmen, Erfolg hatte und für die Studenten der 68er Generation zum Vorbild wurde und dem Ich, der Dokumentarfilmer wurde und sich nun erneut mit Leben und Schicksal seines Vaters beschäftigt.
 
Michael Meyns