Die Hälfte der Stadt

Auf fotografischen Spuren der Vergangenheit bewegt sich der polnische Filmemacher Pawel Siczek mit seiner Dokumentation „Die Hälfte der Stadt.“ Zufällig erhaltene Aufnahmen aus der polnischen Stadt Kozienice – die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt waren – bilden den Ausgangspunkt seiner Recherchen, die anhand einer persönlichen Geschichte von Universellem erzählt.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Pawel Siczek
Länge: 87 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 5. November 2015
 

FILMKRITIK:

Der 1890 geborene Chaim Berman war Fotograf und Gemeindepolitiker in der zentralpolnischen Stadt Kozienice. Schon in jungen Jahren lernt er von seinem Vater das Handwerk des Fotografen und beginnt bald, die Bürger seiner Stadt zu porträtieren: Polen, Juden, Deutsche, die zu diesem Zeitpunkt noch friedlich miteinander leben. Spätestens mit dem Einmarsch der Deutschen Truppen ändert sich dies, doch Berman will sich nicht so leicht geschlagen geben. Als Stadtrad bemüht er sich so weit es in seiner Macht steht, zwischen den Bevölkerungsgruppen zu vermitteln. Selbst als ein Ghetto den jüdischen Teil der Bevölkerung vom Rest der Stadt trennt, will er seine Heimat nicht verlassen.

Während viele seiner Angehörigen ihre Chance nutzen und ins Exil gehen, bleibt Berman mit seiner Familie zurück. Und muss erleben, wie einstige Freunde ihn nun nicht mehr kennen wollen, während Menschen, mit denen er vorher kein wirklich gutes Verhältnis hatte, ihn bald verstecken wollen. Doch dann erkrankt Berman schwer und droht mit seinem Husten, sich und seine Familie zu verraten.

Diese Geschichte wäre wohl eine von vielen tragischen jüdischen Schicksalen geblieben, wenn nicht wie durch ein Wunder tausende der Portraitfotografien, die Chaim Bermans gemacht hat, den Krieg überstanden hätten. Ein Nachbar fand die empfindlichen Glasnegative in einem Keller und lagerte sie über Jahrzehnte auf seinem Dachboden. Wie sie wieder entdeckt wurden erzählt Pawel Siczek in seinem Film zwar leider nicht, offensichtlich ist aber die Faszination, die von den teils über hundert Jahre alten Fotografien ausgehen. Sie bildeten den Ausgangspunkt der Recherchen, die zwangsläufig zunächst ins Nichts führten. Gut siebzig Jahre nach dem Krieg ist kaum noch ein Zeitzeuge am Leben, kaum noch ein Bewohner Kozienices hat Berman persönlich erlebt.

Die wenigen, die den Fotografen kannten hat Siczek interviewt, die Lücken sucht er mit Animationsbildern zu füllen, die oft mit Aufnahmen noch existierender Gebäude vermischt werden, so dass bisweilen der Eindruck entsteht, dass sich Gegenwart und Vergangenheit vermischen. So gewöhnungsbedürftig die eher grob animierten Bilder auch sind, um dem Problem vieler Dokumentationen zu entgehen, auf nachgestellte Szenen zurückgreifen zu müssen, wenn man Ereignisse nicht nur beschrieben, sondern auch visualisiert haben möchte, ist dies eine durchaus gelungene Lösung. Gerade wenn es um die Gräueltaten der Nazis geht, die in dieser Form nicht so plakativ wirken, wie sie es in Spielfilmen oft sind.

Der interessanteste Aspekt von „Die Hälfte der Stadt“ bleiben dennoch die alten Fotografien, die Siczek immer wieder im Detail zeigt, vor allem die Gesichter der Menschen, die lange Tod sind, auf den alten Glasplatten jedoch wie lebendig wirken. In diesen Momenten wird die Tragik der Geschichte Kozienices spürbar deutlich, die im gegenwärtigen Stadtbild keine Spuren hinterlassen hat und nur im Gedächtnis der wenigen Überlebenden noch präsent ist – und eben auf diesen Fotos.
 
Michael Meyns