Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei

Über 90 Jahre alt ist das berühmte Kinderbuch „Die Häschenschule“, womit klar ist, dass die moderne Animationsfilm-Adaption sich nur noch lose auf das Vorbild bezieht und unzweideutig aus dem 21. Jahrhundert stammt. Doch trotz manch etwas angestrengt wirkender moderner Momente, fängt Ute von Münchow-Pohls Film den Geist der Vorlage überzeugend ein und unterhält auf unbeschwert und unterschwellig moralische Weise.

Webseite: www.häschenschule-film.de

Deutschland 2016
Regie: Ute von Münchow-Pohl
Drehbuch: Katja Grübel & Dagmar Rehbinder nach dem Kinderbuch von Fritz Koch-Gotha & Albert Sixtus
Sprecher: Senta Berger, Friedrich von Thun, Jule Böwe, Noah Levi
Länge: 76 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 16. März 2017

FILMKRITIK:

Während in der malerisch im Wald gelegenen Häschenschule das Leben und vor allem die Vorbereitungen auf das Osterfest ihren beschaulichen Weg gehen, ist das Hasenleben in der Stadt etwas aufreibender. In einem Verhau unter einer Straße hat der Stadthase Max es sich mehr schlecht als recht gemütlich gemacht und eifert mit seinen Kumpels darum, der coolste Hase des Reviers zu sein. Für altmodische Dinge wie Ostereier, Schule und Regeln hat Max nur Verachtung übrig, doch das Schicksal wird ihn bald auf einen anderen Weg führen.
 
Nach einem verunglückten Ausflug auf einem Modellflugzeug, landet er in der Häschenschule und ist erst einmal irritiert über die artigen, braven Schüler, die gehorsam den Worten des alten Lehrers Eitelfritz lauschen. Wohl oder übel muss Max sich jedoch den angehenden Osterhasen anschließen, denn im Wald leben fiese Füchse, die es nicht nur auf die Hasen abgesehen haben, sondern vor allem auf das Goldene Ei. Dieses Ei ist es, dass den Hasen das Recht gibt, die Menschen mit Ostereiern zu versorgen, was sie gleichzeitig zu beliebten und geschätzten Wesen macht. Das wären die Füchse auch gern und so hecken Fuchsmutter Ruth und ihre drei Fuchsjungen einen Plan aus, um an das Goldene Ei zu kommen.
 
In den Versen von Albert Sixtus wurde die Geschichte der Häschenschule 1914 erzählt, was für das moderne Kind einerseits wohl schrecklich altmodisch wirkt, andererseits durch den Erfolg des Hip Hops auch eine zeitgemäße Note haben könnte. Gerappt wird nun in Ute von Münchow-Pohl moderner Verfilmung des klassischen Stoffs zwar nicht, doch gerade Max geriert sich Anfangs deutlich als moderner Jugendlicher, trägt bunte T-Shirts und redet seine Kumpels mit neumodischen Begriffen wie Alter und Digger an.
 
In der Häschenschule geht es dagegen altmodisch zu. Nicht gerade Zucht und Ordnung herrschen hier, doch das Leben der angehenden Osterhasen ist von vielen Regeln geprägt, die die Schüler immer wieder brav aufsagen. – Und die von Max geflissentlich ignoriert werden.
 
Unschwer zu erkennen entwickelt sich nun eine typische Geschichte der Kontraste: Hier der egoistische Stadthase, der anfangs nur sein eigenes Vergnügen im Sinn hat, dort die Gemeinschaft der Osterhasen, die etwas altmodisch sind, traditionelle Werte hochhalten und dem Außenseiter bald den Wert von Zusammenhalt nahe bringen. So konventionell sich diese Geschichte auch anhört, sie wird leicht und unterhaltsam erzählt, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Dieses Kunststück gelingt vor allem deshalb, da nicht etwa eine Seite, eine Lebensweise bevorzugt wird, sondern man sich in der Mitte trifft: Nicht zuletzt dank der Figur der Madame Hermine, der weisen Hüterin des Goldenen Eis, die deutlich von fernöstlicher Philosophie beeinflusst ist und in Karate ebenso versiert ist wie in klugen Sentenzen. Erst in Kombination von Gemeinschaft und dem individuellen Charakter von Max gelingt es den Hasen, zusammenzukommen und sich gegen den Angriff der Füchse zur Wehr zu setzen. Dass diese Moral so leicht verpackt daherkommt macht die „Häschenschule“ zu einer zwar modernen, aber ähnlich vergnüglichen Erzählung wie das literarische Vorbild.
 
Michael Meyns

Im Kinderfilmbereich ist Ute von Münchow-Pohl keine Unbekannte. Schon Anfang der 90er-Jahre war sie an den Animationen aus „Werner – Beinhart!“ und „Feivel, der Mauswanderer im wilden Westen“ beteiligt, inzwischen hat sie zum Beispiel die Trickfilme „Kleiner Dodo“ und die beiden „Der kleine Rabe Socke“-Teile inszeniert. Nun adaptiert Münchow-Pohl den Kinderbuchklassiker „Die Häschenschule“ für die Kinoleinwand. Ihr charmanter Animationsfilm modernisiert die 1914 publizierte Vorlage und schafft es, deren märchenhaften Charme zu erhalten.
 
Der verwaiste Hase Max (Sprecher: „The Voice Kids“-Gewinner Noah Levi) hat sich unter einer städtischen Kreuzung einen Versorgungsschacht als provisorische Bleibe eingerichtet und hält sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Um sich in seinem Stadtvierteil Respekt zu verschaffen, will Max einer coolen Gang beitreten. Doch es kommt anders. Ein Rundflug mit einem Modellflugzeug gerät außer Kontrolle und verschlägt den jungen Stadthasen in den tiefen Wald, wo er die Häschenschule findet. Hier lauschen brave Häschen dem schusseligen Lehrer Eitelfritz und der schlagfertigen Madame Hermine (Friedrich von Thun & Senta Berger), um nach der Osterhasenprüfung bunte Eier zu verstecken. Zwar lernt Max die süße Häsin Emmi (Jenny Melina Witez) kennen, aber am liebsten will er sofort wieder nach Hause in die Stadt. Doch hinter der Dornenhecke, die die Schule umgibt, lauern die Fuchsmutter Ruth (Jule Böwe) und drei Jungfüchse. Die neiden den Hasen ihre Beliebtheit und wollen das Goldene Ei stehlen, um das Osterfest künftig selbst auszurichten.
 
Ein gewichtiger Teil von „Die Häschenschule“ rückt den Konflikt zwischen Stadt und Land in den Mittelpunkt. Max agiert anfangs sehr hochnäsig, weil er sich als Stadthase mit bunten Shirts cooler findet als die harmlosen Hasenschüler. Das führt vor allem zu Reibereien mit Bruno (Constantin von Jascheroff) und einem Gewissenskonflikt, denn bald findet Max das Osterhasendasein und den magischen „Verschwindibus“ gar nicht mehr so öde. Der Kontrast zwischen Stadt und Wald drückt sich auch sprachlich aus, wenn die Städter sich mit „Ey, Alter“ ansprechen und die Waldbewohner ganz altmodisch „Ach, du dicke Möhre“ sagen. Im Vergleich schneidet das Leben im Wald besser ab, wenn zum Beispiel der Duft einer Blume angenehmer riecht als das mitgebrachte Deo der Marke „Frühlingsduft“.
 
Die Animationen wirken anfänglich gewöhnungsbedürftig karg, entwickeln ab der Ankunft im Wald aber einen märchenhaften Charme, der gut zum versöhnlichen Grundton der Geschichte verpasst. So empfindet Max über kurz oder lang ein Gefühl der Zugehörigkeit und verinnerlicht die klugen Weisheiten der fernöstlich angehauchten Madame Hermine: „Lerne die Regeln, damit du weißt, wann du sie brechen musst.“ Als Max seine individuelle Note mit den Tugenden der Häschenschüler kombiniert, treten die Hasen als starke Gruppe auf. Das respektiert letztlich sogar einer der Füchse: „Ihr seid ein starkes Team!“
 
Christian Horn