Die Hüter der Tundra

Gute Dokumentarfilme haben oft auch einen ethnologischen Ansatz, zeigen, dokumentieren  Lebenswelten- und formen, die meist nicht wahrgenommen werden. Diesen Ansatz verfolgt auch René Harder mit seiner Dokumentation „Die Hüter der Tundra“, der das Volk der Samen, das im äußersten Norden Russlands lebt, porträtiert und eindrückliche Bilder mitgebracht hat.

Webseite: www.tundra.wfilm.de

Deutschland/ Norwegen 2013 – Dokumentation
Regie, Buch: René Harder
Länge: 82 Minuten
Verleih: wfilm
Kinostart: 22. Januar 2015
 

FILMKRITIK:

Immer mehr kleine, mehr oder weniger autark lebende Volksgruppen werden sich ihre Geschichte und ihren Traditionen bewusst, bemühen sich, diese zu bewahren und im meist künstlichen Konstrukt moderner Nationalstaaten eine Stimme zu erhalten. So auch die Samen, die im Nordwesten Russlands, auf der Kola-Halbinsel, aber auch in den nordischen Staaten leben.

Das kleine Dorf Krasnoschtschelje, inmitten schneebedeckter Landschaft, liegt fernab der Zivilisation. 150 Kilometer ist die nächste Straße entfernt, nur per Hubschrauber ist das Dorf zu erreichen. – Oder per Rentierschlitten. Keine so absurde Idee, denn die Rentierzucht ist eine der wenigen bedeutenden Einnahmequellen der Samen, deren Landschaften zunehmend von der Suche nach Öl und anderen Bodenschätzen zerstört werden.

Das Leben im Dorf läuft seit Jahrhundert kaum verändert ab, von Landwirtschaft und Fischfang leben die Familien, stets dick eingepackt in wärmende Kleidung, die inzwischen oft auch aus moderner Funktionskleidung besteht. Andere Vorzüge der Zivilisation sind dagegen noch etwas rar: Der Strom wird zwischen Mitternacht und sieben Uhr Morgens abgestellt, Benzin ist knapp und ein Krankenhaus gibt es nicht.

In diese Welt begab sich der Dokumentarfilmer René Harder, lebte einige Monate mit den Bewohnern von Krasnoschtschelje und brachte einen eindrücklichen Film mit. Im Mittelpunkt steht die Familie der resoluten Sascha, die mit ihrem Vater Kolja und ihrem Bruder Slawa um das Überleben ihres Heimatortes kämpft. Denn die schwierigen äußeren Bedingungen lassen die Lebenserwartung sinken, die Versorgung ist schlecht, die Lage ernst. In der Regionalhauptstadt Murmansk gelingt es Vertretern des unabhängigen samischen Parlaments sogar, ihre Flagge vor dem Parlament zu hissen und ihren Kampf in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen.

Doch meist werden die Samen nur als urige Volksgruppe wahrgenommen, amüsieren sich die wenigen Besucher über die Traditionen und das karge Leben, das zwar in seiner Archaik und Einfachheit durchaus seinen Reiz hat, aber dort leben? Vor allem beim jährlich stattfindenden Rentierrennen finden sich Menschen aus anderen Regionen in Krasnoschtschelje ein, die das bunte Treiben der Rentierschlitten begeistert beobachten.

Dies sind wenig überraschend die spannendsten Bilder in „Hüter der Tundra“, eindrucksvolle Momente, in denen lange Schlitten, gezogen von mehreren Rentieren durch die malerische Landschaft gleiten. Doch so schön diese Bilder auch sind, René Harder verfällt nie in Kitsch sondern stellt diesen Momenten das karge Dorfleben entgegen, die Diskussionen in der Dorf-Versammlung, die schwierigen, langwierigen Bemühungen, etwas an der Lage zu ändern.

So ist „Die Hüter der Tundra“ ein im besten Sinn dokumentarischer Film, der eine kaum bekannte Bevölkerungsgruppe zurückhaltend beobachtet, ein fremdes, unbekanntes Leben wertneutral porträtiert und damit im besten Fall auch zum Erhalt dieser Gemeinschaft beitragen wird.
 
Michael Meyns