Die innere Zone

Als Rettungsaktion dreier Wissenschaftler geplant, entpuppt sich Martas Reise in den Tunnel einer Forschungsstation in den Schweizer Alpen als Konfrontation mit den eigenen Sehnsüchten. „Die innere Zone“ ist ein ungewöhnlich ruhiger Science Fiction Film, der mehr über die menschliche Psyche als über die Zukunft erzählt.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Schweiz/Deutschland, 2013
Regie: Fosco Dubini
Drehbuch: Barbara Marx, Donatello Dubini, Fosco Dubini, Heike Fink
Darsteller: Jeanette Hain, Lilli Fichtner, Dietmas Mössmer, Nikolai Kinski
Filmlänge: 89 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 31. Juli 2014

FILMKRITIK:

Als wäre dies die Vorankündigung der folgenden Ambivalenzen, schwankt bereits die Titelmusik, eine Streicherversion von Metallicas „Nothing Else Matters“ zwischen melodischen Genres. Dabei schwebt die Kamera in poetischen Aufnahmen über eine von Eis und Gestein gekennzeichnete Gebirgslandschaft. Was uns bekannt vorkommen könnte, wirkt hier außerirdisch, wie Bilder eines fremden Planeten. Um das „dazwischen“ geht es in Fosco Dubinis Spielfilm „Die innere Zone“. Zwischen fremd und bekannt, Wunsch und Erinnerung, Realität und Vorstellung. Die Heldin läuft durch einen Tunnel, der weder einen klaren Anfang, noch ein Ende hat.

„Die innere Zone“ bezieht sich lose auf eine wahre Begebenheit, einen Reaktorunfall Ende der 60er Jahre in den Schweizer Alpen. Die Hauptfigur, Marta (Jeanette Hain) reist zum Ort des Geschehens. Allerdings im Jahre 2023 und was zu diesem Zeitpunkt aus den unterirdischen Gängen ausdringt, ist keine Radioaktivität, sondern ein unbekanntes Luftgemisch, das sich im Laufe der Geschichte als gefährlich sauerstoffarm herausstellt. Marta, die zuvor an einem Biosphäre-Experiment beteiligt war und unter den Folgen seines Misslingens zu leiden hat, glaubt sich ausgerüstet für die Suche nach drei verschollenen Wissenschaftlern, ist letztlich jedoch ebenso verwirrt wie die Menschen, denen sie zu Hilfe eilt. Was ist Wahn, was ist Erinnerung?

Das ruhige Voice Over und der starke Fokus auf die weibliche Hauptfigur inmitten einer verlassenen Berglandschaft erinnern zunächst an das Setting von „Die Wand“ – und „Die innere Zone“ insgesamt eher an einen Heimat- als an einen Science Fiction Film. Die Zukunft ist als solche kaum zu erkennen, wirkt die Ausstattung der gezeigten Labore doch eher wie aus dem vergangenen Jahrhundert. Letztlich jedoch ist die zeitliche Verortung dieser metaphorischen Science Fiction unerheblich, denn Martas Reise ist weniger eine geographische als eine psychologische. Es geht um die „innere Zone“, um künstliche Erinnerungsfetzen, sogenannte „Echos“, mit denen sie sich auseinandersetzt.

Die Ambivalenz des Konzepts schlägt sich auch in Handlung und Dialogen nieder. Die Menschen reden wirr, eine Bedeutung ist nicht zu entnehmen, sondern bedarf der Interpretation des Zuhörers. Dass eine der drei Hauptfiguren, die Russin Natascha (Lilli Fichtner), in brüchigem Deutsch kommuniziert, überspannt jedoch den Bogen der tragbaren Kryptik. Die atemberaubende visuelle Inszenierung des Anfangs bleibt leider eine Ausnahmeerscheinung. Ein Großteil der ereignisarmen Handlung spielt sich in kargen Räumen ab. Vorstellung und Realität werden dabei nicht sichtbar voneinander getrennt. Nur die wechselnden Kostüme der Hauptfigur deuten auf den Übergang von einer Sphäre zu anderen hin. Ebenso nüchtern wie diese Inszenierung ist das hölzerne Schauspiel, das ebenfalls ein Gefühl der Ambivalenz erzeugt: nicht ganz überzeugend, aber doch eindeutig „gespielt“.

„Was wollen wir glauben?“ ist die Frage, die all dem zu Grunde liegt. Weder dezidiert künstlich, noch naturalistisch spielen Setting, Dialoge und Schauspiel in „Die innere Zone“ mit der Fähigkeit der Autosuggestion. Der Zuschauer muss hier mitarbeiten, die nüchternen Bilder mit eigenem Leben füllen. Somit gerät er in eine ähnliche Situation wie die Figuren auf der Leinwand, die sich ihre Realität erschaffen oder doch zumindest bereitwillig in einen Zustand des Realitätsverlusts begeben.
So ist die Wirkung von „Die innere Zone“ auch stärker vom Publikum als dem Film selbst abhängig und kann sowohl als prätentiös-kryptische Metapher verurteilt wie auch als bedeutungsschwangere Reise ins eigene Ich gelobt werden.
 
Sophie Charlotte Rieger