Die irre Heldentour des Billy Lynn

Wenn Oscar-Preisträger Ang Lee („Brokeback Mountain“, „Life of Pi“) einen neuen Film vorlegt, dann sind große Kinomomente eigentlich garantiert. Für die Umsetzung des Bestsellers von Ben Fountain über einen als Kriegsheld in seine texanische Heimat zurückgekehrten US-Soldaten vertraute Lee modernster Kameratechnik und einem namhaften Cast (Steve Martin, Kristen Stewart, Garrett Hedlund, Vin Diesel). „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ eröffnet einen spannenden Einblick in das zerrissene Ich eines jungen Soldaten – kleine Schwächen inklusive.

Webseite: www.billylynn.de

OT: Billy Lynn’s Long Halftime Walk
USA 2016
Regie: Ang Lee
Drehbuch: Jean-Christophe Castelli nach dem Roman von Ben Fountain
Darsteller: Joe Alwyn, Garrett Hedlund, Chris Tucker, Arturo Castro, Makenzie Leigh, Vin Diesel, Kristen Stewart, Steven Martin
Laufzeit: 113 Minuten
Verleih: Sony
Kinostart: 2.2.2017

FILMKRITIK:

Als die USA unter George W. Bush nach 9/11 erst in Afghanistan und dann in den Irak einmarschierten, hoffte die Nation auf schnelle Siege. Doch der militärische Erfolg war ein trügerischer. Stattdessen wurden die Soldaten immer wieder in Kampfhandlungen, Attentate und Hinterhalte verwickelt. Aufnahmen eines solchen Kampfgeschehens geraten über die Medien schließlich an die Öffentlichkeit. Sie zeigen den mutigen Einsatz des jungen Gefreiten William „Billy“ Lynn (Joe Alwyn), der durch die Abwehr eines Angreifers das Leben seiner Kameraden zu retten versucht. In der Heimat werden Billy und die Männer der Bravo-Einheit praktisch über Nacht zu Helden. Für eine patriotische „Victory Tour“ lässt man sie nach Texas einfliegen. Dort sollen die Männer in der Halbzeitshow eines großen Football-Matches auftreten. Während die Army auf kostenlose Publicity hofft, versucht die Politik mit schönen Bildern, die damals bereits kriegsmüde Nation wieder aufzubauen.
 
„Billy Lynn’s Long Halftime Walk“, so der Originaltitel des Films, der auf dem Bestseller von Ben Fountain aus dem Jahr 2012 basiert, mangelt es keinesfalls an Ehrgeiz und Anspruch. Für beides ist vor allem Oscar-Preisträger Ang Lee verantwortlich, dem trotz oder gerade wegen seiner taiwanesischen Wurzeln schon mehrere große Filme („Der Eissturm“, „Brokeback Mountain“, “Taking Woodstock“) über das Bewusstsein der amerikanischen Nation gelungen sind. Dieses Mal erkundet Lee nicht nur abstrakt den Zustand eines verunsicherten Landes sondern auch sehr konkret das Seelenleben und die Gedanken eines jungen Soldaten. Der Schwierigkeit, den langen, inneren Monolog der Vorlage in Bildsprache zu übersetzen und dabei die Widersprüche zwischen Billys mitunter düsteren Gedanken und der ihm aufgezwungenen Heldenrolle zu sezieren, war sich Lee durchaus bewusst. Er inszenierte diesen Grenzgang als Abfolge aus Erinnerungsfetzen, die Billy und den Zuschauer immer wieder zurück in das wenig heldenhafte Kriegsgeschehen werfen während um ihn herum der Irrsinn einer durchgeplanten PR-Kampagne tobt (Highlight: Comedy-Star Chris Tucker in der Rolle des dauergestressten PR-Managers).
 
Diese führt den des Öfteren mit einer konventionellen Theateraufführung vergleichbaren Plot schließlich von der kleinen auf die große Bühne (im wahrsten Sinne des Wortes). Die patriotisch aufgeblasene Halbzeitshow aus texanischem Kitsch, Pauken, Trompeten, Feuerwerk und einem Auftritt von „Destiny’s Child“ nutzt der Film für den sicherlich intensivsten Moment. Während sich die von John Toll geführte Kamera beinahe traumwandlerisch durch diese unwirkliche Kulisse bewegt, ist diese für Billy schon längst eingestürzt. Wie durch einen winzigen Spalt blicken wir dabei auf sein verunsichertes Innerstes. Die posttraumatischen Folgen von Kriegseinsätzen werden gleichwohl nur angedeutet und durch Trash Talk und eher austauschbare Dialoge unter den Soldaten entschärft. Auch die von Kritikern gelobte Bissigkeit der Vorlage wirkt meist abgemildert.
 
Dafür vertraute Lee auf eine technische Besonderheit. Gefilmt in hochauflösendem 4K und einer Rate von 120 Bildern pro Sekunde – dem Vierfachen eines normalen Kinofilms – soll „Billy Lynn“ Aufnahmen in bislang nicht gekannter Schärfe produzieren. Insbesondere in Naheinstellungen zeigen sich die Qualitäten dieser Technik, wobei dabei auch manche Illusion zerstört wird, wenn man auf einmal im Gesicht der Darsteller jede Falte erkennen kann.
 
Die kurzen, ungeschönten Actionsequenzen sind in ihrer Präzision mit Nachrichtenbildern vergleichbar. An die visuelle Kraft und Intensität von „Tödliches Kommando“ oder „Zero Dark Thirty“ reicht der Film aber erwartungsgemäß nicht heran. Am Ende bewegt sich das visuelle Angebot von „Billy Lynn“ vielmehr auf dem Niveau einer handwerklich ambitionierten TV-Serie. Für Newcomer Joe Alwyn könnte seine erste Kinorolle dennoch zum Sprungbrett werden. Ihm gelingt es schließlich, das widersprüchliche, komplexe Innenleben seiner Figur in eindringliche Blicke und kleine Gesten zu übersetzen. Dem Rest des namhaften Casts bleiben hingegen kaum Gelegenheiten sich auszuzeichnen.
 
Marcus Wessel