Die Kinder der Toten

In ihrer Heimat genießt sie den weniger schmeichelhaften Ruf einer so genannten „Nestbeschmutzerin“, undführt man sich ihr schriftstellerisches Schaffen vor Augen, mag sie sich dieses Prädikat aus konservativ-österreichischer Perspektive durchaus verdient haben. Neben Thomas Bernhard gingen wohl wenige österreichische Autoren so hart und erbarmungslos mit ihrer eigenen Heimat ins Gericht wie die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die 1995 mit „Die Kinder der Toten“ ihr Opus Magnum veröffentlichte: ein 666 Seiten (die Seitenzahl ist kein Zufall) starker Roman über die mentale Verdrängung des Holocaust, der sich narrativen Kategorien entzieht und mit experimenteller Sprachgewalt einen Totentanz sondergleichen heraufbeschwört. Der berüchtigte Roman ist selbst für geübteste Leser eine schwer bewältigbare Hürde. Kelly Copper und Pavol Liska trauen sich an den komplexen Stoff, servieren herausfordernden Experimental-Horror-Kalauer und eine überaus originelle Adaption.

Webseite: www.cineleusis.com

Österreich 2018
Regie: Kelly Copper, Pavol Liska
Drehbuch: Kelly Copper, Pavol Liska
Darsteller: Andrea Maier, Greta Kostka, Klaus Unterrieder
Länge: 90 Min.
Verleih: Olymp Film / Cineleusis Filmverleih
Kinostart: 14. November 2019

FILMKRITIK:

Kopulierende Doppelgänger, untote Nazis die mit untoten Jüdinnen tanzen, zynische Pervertierungen österreichischer Traditionen: Tabubrüche und Skandale sind Programm bei Elfriede Jelineks Texten. Ihr Werk allerdings als billige Provokation abzutun, wäre frevelhaft. Samt einer Musikalität der Sprache und Vielstimmigkeit der Texte zählt ihr künstlerisches Schaffen in Prosa und Dramatik zum Vielseitigsten und Originellsten, was postmoderne Literatur so aufbietet. Die Handlung des Romans „Die Kinder der Toten“ lässt sich aufgrund ihrer Abstraktheit nur schwer zusammenfassen, geschweige denn in konkreten Bildern visualisieren. Doch die Filmemacher Copper und Liska erfinden eine eigene kinematographische Kunstsprache, die sich an etwaigen narrativen Kniffen abarbeitet: von Untertitel-Einblendungen anstelle von gesprochenen Dialogen, heftiger Wackelkamera, schnellen Schnitten, unangenehm dissonanter Akustik bis hin zum durchweg schwammigen VHS-Look. Es wird radikal mit konventionellen Sehgewohnheiten gebrochen. Allein diese formalen Aspekte verlangen also eine gewisse Bereitwilligkeit von rezipierender Seite, sich mithöchster Konzentration auf einen sonderbaren Film einzulassen.
 
Angesiedelt ist das Geschehen in der Steiermark: in einem Wirtshaus streiten eine Mutter und ihre Tochter. Letztere verunglückt wenig später bei einem Autounfall. Ihr Geist irrt darauf durch die Landstriche, verfolgt von der eigenen, bösartigen Doppelgängerin. Unterdessen spazieren Rinderherden über einsame Landstraßen und durch desolate Dörfer. Irgendwo im Wald trifft ein um seine zwei Söhne trauernder Förster auf syrische Flüchtlinge und macht zudem Bekanntschaft mit Geistern. Und in einer alten Fabrikhalle projiziert derweil die Witwe eines hochrangigen Nazis Heimatfilme für ein großes, tränendes Publikum auf eine große Leinwand. Bis plötzlich aus allen Ecken die Toten kriechen und die Welt der Lebenden heimsuchen.
 
„Die Toten kommen. Wenn man nicht aufpasst und die Augen aufhält, merkt man nicht einmal, dass sie da sind.“ Auch die Toten selbst merken nicht einmal, dass sie tot sind, könnte man diesem Filmzitat noch beifügen. Sie sorgen für reichlich Konfusion! Sie brechen aus der Erde, plündern die Supermärkte und fressen die Gehirne der Lebenden. Hier werden Erinnerungen nicht sukzessive aufgearbeitet, sondern die Traumata und Gewaltakte der Vergangenheit fressen sich in Form manifester Zombies buchstäblich ins kollektive Gedächtnis und Gewissen hinein, nachdem sie sich über Dekaden totschweigen und verdrängen lassen mussten. 
 
Geschickt ergänzt das Regie-Duodas Grundgerüst des Romans um eine weitere Ebene und fädelt neben der Verdrängung vergangener Nazi-Gräueltaten auch mit der durch die Steiermark irrenden Gruppe der geflüchteten syrischen Lyriker eine bittere Gegenwarts-Referenz ein, die dem Film zusätzliche Aktualität verleiht. Bevor die eigentlichen Zombies auftreten und die Einheimischen in langen Kolonnen bedrängen, sind es also reale Flüchtlinge, die an die Pforten verriegelter Kirchenportale hämmern oder elendig verhungern, während ganze Horden von Pauschal-Touris sensationsgeil aus Bussen glotzen.
 
Nur im Fabrik-Kino CINEMA 666, auf den Leinwandprojektionen der alten Nazi-Witwe, darf die Heimat Österreich als heiler Sehnsuchtsort in seiner trügerischen Idylle noch einmal aufleuchten. Die Realität, so mahnt der Film, ist eine andere: die Tradition ist verpestet, das vermeintlich ach so heile Heimatsgebilde morsch. An die Oberfläche dringt nun der Verwesungsgestank der zahllosen Toten, auf denen es gründet. „Die Kinder der Toten“ ist – wie auch schon Jelineks Roman – intellektuell stimulierende und nicht gerade leicht konsumierbare Kunst, die polemisch und gnadenlos Kritik übt.
 
Nathanael Brohammer