Die Kinder des Fechters

Kein anderer finnischer Regisseur wurde mit seinen Filmen so oft für sein Land ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt wie der Filmemacher Klaus Härö. Auch auf seinem neuesten Film über eine Episode aus dem Leben des estnischen Fechters Endel Nelis, „Die Kinder des Fechters“, ruhen jetzt die Hoffnungen für eine Oscar-Nominierung. Und gute Chance hätte er: denn obwohl das mit aufrichtig und glaubhaft agierenden Darstellern ausgestattete Drama über einen Lehrer in der Stalin-Zeit immer wieder auch konventionelle Züge aufweist, besticht es vor allem durch seine unaufdringliche, schlicht-dezente Inszenierung und die berührende Melancholie.

Webseite: www.diekinderdesfechters.de

Finnland, Estland, Deutschland 2015
Regie: Klaus Härö
Drehbuch: Anna Heinämaa
Darsteller: Märt Avandi, Ursula Ratasepp, Kirill Käro,
Lembit Ulfsak, Kaarle Ahro, Märt Avandi
Länge: 95 Minuten
Verleih: Zorro
Kinostart: 17. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

1953: Der junge Sportlehrer Endel (Märt Avandi) ist auf der Flucht vor Stalins Geheimpolizei. Diese sucht ihn, da Endel während des Zweiten Weltkriegs von der Wehrmacht eingezogen wurde. Um nicht gefasst zu werden, flieht er in ein kleines Städtchen an der Küste Estlands und fängt dort als Sportlehrer an. Nach anfänglichen Problemen findet er immer mehr den Zugang zu den Kindern, da er sie in dem unterrichtet, was er selbst am besten beherrscht und die Kinder unbedingt erlernen wollten: dem Fechten. Freilich nicht gerade zum Wohlwollen des kommunistischen Schulleiters. Doch die junge Lehrerin Kadri (Ursula Ratasepp) bestärkt ihn darin, weiterzumachen. Als ein großer Fecht-Wettbewerb in Leningrad ansteht, muss Endel eine schwerwiegende Entscheidung treffen.

„Die Kinder des Fechters“ beruht auf der wahren Geschichte des estnischen Fechters Endel Nelis, der große Erfolge als Fechtlehrer feierte und viele spätere Weltmeister in diesem Sport ausbildete. Bekanntheit erlangte der finnische Regisseur des Films, Klaus Härö, 2002 mit seinem Drama „Elina“, drei Jahre später war sein Kriegs-Drama „Die beste Mutter“ der finnische Beitrag zur Nominierung für den Auslands-Oscar. Während „Die beste Mutter“ im Zweiten Weltkrieg spielte, war „Elina“ in den 50er-Jahren angesiedelt. Beide Themen bzw. Handlungszeiten bringt Härö nun in „Die Kinder des Fechters“ zusammen.

Wie schon in humorvoll angehauchten Dramen wie „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ bezieht „Die Kinder des Fechters“ einen Großteil seiner stärksten Momente aus dem Verhältnis „Lehrer-Schüler“. Mit dem großen Unterschied, das heitere Szenen und komödiantische Elemente hier kaum auftreten. „Die Kinder des Fechters“ ist ein ruhiger, ernster, melancholischer Film, in dem nicht viel gelacht wird und wenn, dann ist es Endel, der über die Akribie und den Tatendrang der Kinder leicht schmunzeln muss, den Fechtsport zu erlenen und zu beherrschen. Dabei haben die jungen Schüler des idealistischen Sportlehrers die meisten Sympathien auf ihrer Seite, allen voran die niedliche und talentierte Schülerin Martha, die kleinste von allen, die im weiteren Verlauf des Films noch über sich hinauswachsen wird.

Endel dient den meisten Kindern der Fechtgruppe als Vorbild und Vaterersatz, da der Krieg erst wenige Jahre zurückliegt und viele der Väter aus diesem nicht mehr zurückgekehrt sind. Hinsichtlich der Lehrer-Schüler-Dramaturgie folgt der Film dabei zwar auch konventionellen und recht überraschungsarmen Mustern, vermag mit seiner unaufdringlichen und gelassenen Erzählweise und Struktur aber zu überzeugen. Immer wieder kommt es zwischen Endel und den Kindern zu ergreifenden, berührenden Szenen und kurzen Gesprächen, die verdeutlichen, wie sehr sie sich nach einem Vaterersatz und starken Rettungsanker sehnen.

Auch die gut aufgelegten Darsteller punkten. Hauptdarsteller Märt Avandi legt seine ambivalente Figur als innerlich zerrissenen, aber stets an die Kraft des Sports und des Zusammenhalts glaubenden Idealisten an, der aber auch von einem schweren, unsichtbaren Mantel der Angst umhüllt ist, jederzeit entdeckt zu werden und aufzufliegen. Gut harmoniert er mit Ursula Ratasepp, die die liebenswürdige Lehrerin Kadri verkörpert, die das Herz am rechten Fleck und den Mut hat, dem konservativen, stets der Bürokratie verpflichteten Schuldirektor auch mal zu widersprechen. Zwar sind auch die Lovestory und deren Verlauf vorhersehbar, aber unabdingbar für die Dramaturgie des Films und letztlich auch für Endel, wie sich am Ende herausstellt.

Regisseur Häro zieht die Spannungsschraube vor allem in den letzten zwanzig Minuten gehörig an und bedient sich hier immer wieder spannungssteigernder, kameratechnischer Stilmittel wie der Zeitlupe, um die unheilvolle Stimmung noch zu untermauern. Das gelingt ihm sehr gut, ebenso wie die wechselhaften Gefühlsregungen, die er mit den schnell aufeinander folgenden Wendungen im Finale beim Betrachter erzeugt. Glaubt man, im einen Moment das Ende von Endel vor Augen zu haben und dieses hautnah mitzuerleben, wandeln sich die Ereignisse plötzlich doch noch und entlässt Häro den Kinobesucher mit einem warmen Gefühl ums Herz.

Björn Schneider