Die Kinder vom Napf

Eine Hymne an das einfache Leben ist dieser warmherzige, unterhaltsame Dokumentarfilm aus den Schweizer Bergen über eine Schar von Kindern, die so unbekümmert und natürlich sind, dass man sie einfach ins Herz schließen muss.
Alice Schmid erzählt ganz aus der Sicht der Kinder von Romoos, die sie ein Jahr lang begleitet hat. Sie leben auf einsamen Bergbauernhöfen. Wenn sie in die Schule gehen, müssen sie bei jedem Wetter kilometerweit durch die raue Wildnis stapfen und mit der Seilbahn fahren. Ihrer Heimat sind sie ebenso verbunden wie dem Glauben, dem Aberglauben und den Traditionen ihrer Familien.
Diese unkomplizierten Kinder und ihr Leben, das vom Lauf der Jahreszeiten und von der täglichen Arbeit bestimmt ist – all das erscheint beinahe märchenhaft. Eine Oase der Ruhe, des Friedens und der Harmonie mitten im hektischen, hochtechnisierten Europa. Und ein Film voller Lebensfreude, die sich aufs Publikum überträgt, mit wunderschönen Bildern, aus denen klare Bergluft atmet. Ein erholsamer, erfrischender Kurzurlaub fürs Herz und für die Augen, der Groß und Klein bezaubert.

Webseite: www.mfa-film.de

Schweiz 2011 – Dokumentarfilm
OmU – Schwyzerdütsch mit hochdeutschen Untertiteln
Regie, Drehbuch, Kamera: Alice Schmid
Originalmusik: Daniel Almada
Länge: 91 Minuten
Verleih: MFA+
Kinostart: 25. Oktober 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Romoos ist ein winziges Dorf im Kanton Luzern, fern vom Tourismustrubel und von brausenden Großstädten. Neben dem Dorf liegt ein Berg, der Napf. Für Schweizer Verhältnisse nicht besonders alpin, aber hoch genug, damit die Städter Respekt haben. Keine Straße führt hinauf – nur zu Fuß oder mit der Seilbahn kommt man auf das Hochplateau. Dort oben leben Bergbauern. Sie züchten Hühner, Schafe und Kühe, betreiben ein wenig Ackerbau und leben von dem, was die Landschaft ihnen bietet. Nebenbei produzieren sie ein wenig Holzkohle – die letzten Köhler der Schweiz.

Wenn hier Winter ist, dann richtig. Und damit beginnt der Film: Die Kinder sammeln sich am frühen Morgen, um gemeinsam durch den knirschenden Tiefschnee zur Bergstation der Kabinenbahn zu gelangen, die extra für die Schulkinder gebaut wurde. Mit der Seilbahn fahren sie ins Tal zum Schulbus, der sie ins Dorf bringt. Ein langer Weg, der für alle ganz selbstverständlich ist.

Das Leben mit der Natur und auf dem Bauernhof bestimmt den Tagesablauf. Jedes Kind hat sein „Ämtli“, eine Aufgabe, die es ganz selbstverständlich erfüllt. Diese Bauernkinder können von klein auf mit Tieren ebenso umgehen wie mit Werkzeug, sie reparieren Zäune, treiben Schafe und Kühe, füttern Hühner, sammeln Eier und helfen bei der Ernte. Wenn sie Musik hören wollen, dann müssen sie selber singen oder Instrumente spielen, und auch das können sie ziemlich gut.

Ein Jahr auf dem Napf – mit Kinderaugen betrachtet. Erwachsene sind selten zu sehen in diesem Film. Ein arbeitsreiches Jahr mit Spielen, Traditionen und Festen: diese Kinder lieben und brauchen die Gemeinschaft. Aber die Idylle trügt, denn das Leben auf der Höhe ist hart und voller Entbehrungen. Die Menschen sind den Naturgewalten ausgeliefert. Ein Gewitter kann zur Katastrophe werden. Der Habicht holt die Hühner, ein Wolf reißt die Schafe – all das ist kein Actionfilm, sondern Alltag. Und wenn man sich mal nicht richtig auskennt, hilft nach alter Väter Sitte der liebe Gott oder der Aberglaube. Die Kinder sind fest verwurzelt in diese Landschaft. Noch können sie sich nicht vorstellen, einmal den Napf zu verlassen. Doch immer weniger Menschen leben hier …

Es macht sehr viel Spaß, den Kindern zuzuschauen, wie sie so harmonisch miteinander leben, spielerisch lernen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Diese Kinder, die über den Wolken leben, haben Respekt vor der Natur, sie wissen, wie man sich amüsiert und sind fleißig, nicht nur in der Schule. Sie pflegen ihre bäuerlichen Traditionen und scheinen so zufrieden zu sein, so bodenständig und geerdet, dass man sie am liebsten beschützen möchte vor der Welt da draußen, außerhalb ihres kleinen Bergparadieses. Sie wachsen mit und inmitten der Natur auf, ohne Straßenlärm, Handys, Computer und Fernsehen, aber wo werden sie in 20 Jahren sein? So abenteuerlich und spannend ihr Alltag auch ist – die Menschen ziehen weg vom Berg, Romoos‘ Einwohnerschaft schrumpft. Denn wer möchte heutzutage wirklich auf Dauer hier oben leben? Was auf den ersten Blick wie eine Idylle erscheint, ist in Wahrheit ein hartes, entbehrungsreiches Dasein, das sich Großstadtbewohner kaum vorstellen können. Die meisten wären wohl kaum in der Lage, länger als einen Sommerurlaub hier oben auszuhalten.

Alice Schmid verzichtet auf Kommentare und Erklärungen. Sie ist eine kundige und erfahrene Dokumentarfilmerin, die mit Kindern auf der ganzen Welt gedreht hat. Und auch hier verlässt sie sich ganz auf ihre kleinen Protagonisten und auf die Kraft der Bilder, die eine manchmal ruppige, manchmal romantische, oft strahlend schöne Bergwelt zeigen, wo der Donner grollt, der Wind braust und die Kuhglocken bimmeln. Mit den Augen der Kinder blickt Alice Schmid auf ihre gemeinsame Heimat: ein Paradies mit sehr kleinen Fehlern. „Man sollte Romoos etwas berühmter machen. Wie Hollywood“, sagt ein Mädchen im Film. Hoffentlich nicht! – Oder doch?

Gaby Sikorski

Erwachsene gibt es in diesem Film nicht viele zu sehen –höchstens einmal einen Lehrer oder kurz die Eltern -, es ist ein Film, in dem die Kinder absolut die Hauptrolle spielen. Sie wachsen in dem Ort Romoos in einer schönen gebirgigen Region der Innerschweiz auf, dem sogenannten „Napf“. Durch ein Jahr werden sie begleitet.

In aller Frühe müssen sie los in die Schule. Die Berghöfe liegen verstreut, manche der Kleinen müssen zuerst in aller Dunkelheit durch den Schnee stapfen und dann die Seilbahn ins Tal nehmen. Sie sind meist noch sehr klein, die ältesten gerade einmal 12 Jahre alt.

In der Schule wird geschrieben, erzählt, musiziert, gesungen, gespielt, gemeinsam gegessen – nie ohne vorheriges Gebet -, werden Plätzchen gebacken, da bald Weihnachten ist.

Das Jahr hindurch helfen die Kinder auch auf den Bauernhöfen, trauern, weil der Wolf die Schafe reißt oder der Habicht Hühner stiehlt. Sie sind in der Nähe einer Schlucht zuhause, in der der Sage nach der Donner entsteht, und sie erleben auch gleich heftige Berggewitter.

Sie erleben die Geburt eines Kalbs, feiern ihr Brauchtum. Sie wandern, schauen den Köhlern zu, sammeln den Müll ein, damit die Tiere ihn nicht verschlucken. In der Bibliothek nehmen sie Bücher in Anspruch – und geben ihre kindlichen Weisheiten von sich:

„Wenn ich die Welt regieren könnte, würde ich es immer schneien lassen, ein Red Bull trinken und alles Gott überlassen“, sagt der 12jährige Jannic. „Eine Miss hat ein gutes Becken, einen geraden Rücken, und das Euter ist schön in die Bauchwand hineingewachsen“, weiß der 11jährige Severin. „Die Äpfel werden von der Sonne rot. Sie bekommen Rötlichkeit. Wenn man die äußeren abnimmt, bekommen die inneren auch heller“, meint der 10jährige Thomas. „Man muss im Stehen singen. Im Sitzen gibt es ganz andere Töne“, schlussfolgert die 10jährige Céline.

So, spielerisch, und nicht anders sollten Kinder aufwachsen können. Mit wunderbaren Naturaufnahmen ist das alles begleitet.

Ein Film, der von den meisten anderen Filmen abweicht. Einer, der als Familienfilm gefallen dürfte. In der Schweiz sehr erfolgreich.

Thomas Engel