Die kleine Hexe

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Vor 60 Jahren erschien Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“, die nun, in Zeiten von in jeder Hinsicht lauteren übernatürlichen Abenteuern wie „Harry Potter“ fürs Kino verfilmt wurde. Das Michael Schaerers Verfilmung dabei altmodisch wirkt, ist gleichzeitig Stärke und Schwäche eines Films, der lange braucht, bis er Fahrt gewinnt, dafür aber wunderbar handgemacht ist.

Webseite: www.studiocanal.de

Deutschland 2017
Regie: Michael Schaerer
Buch: Matthias Pacht, nach dem Buch von Otfried Preußler
Darsteller: Karoline Herfurth, Suzanne von Borsody, Momo Beier, Luis Vorbach, Therese Affolter
Länge: 103 Minuten
Verleih: Studio Canal
Kinostart: 1. Februar 2018

FILMKRITIK:

Die jährliche Walpurgisnacht naht und die kleine Hexe (Karoline Herfurth) ist wütend: Immer noch nicht darf sie am wichtigsten Ereignis im Hexenkalender teilnehmen, denn sie ist mit ihren 127 Jahren einfach noch zu jung. Gegen den Rat ihres treuen Freunds, dem Raben Abraxas (gesprochen von Axel Prahl) macht sie sich dennoch auf den Weg zum Blocksberg und tanzt mit – bis sie von ihrer Tante, der Wetterhexe Rumpumpel (Suzanne von Borosdy) erwischt wird.

Eigentlich sollte sie nun bestraft werden, doch stattdessen gelingt es der kleinen Hexe, die Oberhexe (Theree Affolter) zu überreden, ihr eine Chance zu geben: Wenn sie binnen Jahresfrist zu einer guten Hexe geworden ist und dazu alle 7892 Zaubersprüche aus dem großen Zauberbuch auswendig kann, dann darf sie mitfeiern. Gesagt getan, macht sich die kleine Hexe an die Arbeit und sorgt im benachbarten Dorf zum Beispiel dafür, dass der Vater der Kinder Thomas und Vroni, nicht mehr sein ganzes Geld beim Kegeln verschwendet. Das Problem ist nur, dass bei den Hexen solche guten Taten nicht auf Gegenliebe stoßen: Denn nur eine böse Hexe ist wirklich eine gute Hexe.

Mit Büchern wie „Das kleine Gespenst“, „Der Räuber Hotzenplotz“, „Krabat“ oder „Die kleine Hexe“ prägte Otfried Preußler die Kindheit von Millionen Heranwachsender. Dementsprechend oft wurden die Bücher für Fernsehen oder Kino adaptiert, „Die kleine Hexe“ jedoch erstaunlicherweise nie in Deutschland. Allein eine russische Kinoversion gibt es, die jedoch nur lose auf Preußlers Geschichte basiert.

Anders als Michael Schaerers Version, die darauf verzichtet, die kurze Erzählungen auszuweiten und zu modernisieren. Einerseits eine begrüßenswerte Entscheidung, die andererseits dazu führt, dass „Die kleine Hexe“ narrativ gut eine Stunde eher statisch verläuft. Schauplatz ist fast ausschließlich das Hexenhaus der kleinen Hexe, die zudem fast ausschließlich mit ihrem einzigen Begleiter, dem Raben Abraxas, kommuniziert. Kleine Abschweifungen zu den Kindern des Dorfes halten die Handlung notdürftig am Laufen, bis diese im letzten Drittel in die Gänge kommt.

Bis dahin mag man sich jedoch an der größten Stärke dieser Verfilmung festhalten: Ihrer altmodischen Herangehensweise. Abgesehen von ganz wenigen im Computer entstandenen Bildern ist die Welt der kleinen Hexe wunderbar handgemacht. Vom verwunschenen Hexenhaus im tiefen Wald, das gleichermaßen urig und gemütlich wirkt, über die ausgefallenen Kostüme der Hexen, die wie eine bunte Mischung aus Altkleidersammlung und Faschingsverkleidungen wirken, bis hin zum markanten Makeup der älteren Hexen, die von Runzeln und Warzen übersät sind.

Im Gegensatz zu modernen Zaubermärchen im Stile von „Harry Potter“ wird hier auch nicht aufwändig gezaubert, sondern in bescheidenem Maße Magisches erzeugt, wie es eher in die 50er Jahre, Entstehungszeit der Buchvorlage, passt, als in die ausufernde Gegenwart. Man darf gespannt sein, ob diese Zurückhaltung von jüngeren Zuschauern, die oft schon mit den Exzessen des modernen Hollywoodkinos aufgewachsen sind goutiert wird, oder vor allem deren Eltern zusagt, die vor Jahrzehnten die Bücher Preußlers lasen und höchstens die Puppentrickversionen der Augsburger Puppenkiste als visuelle Umsetzung zur Verfügung hatten.

Michael Meyns