Die Kleinen und die Bösen

Christoph Maria Herbst und Peter Kurth liefern sich als idealistischer Bewährungshelfer und cholerischer Säufer in Markus Sehrs neuem Film ein bissiges, mit deftigen Dialogen gewürztes Duell auf Augenhöhe. Inhaltlich geht es vor allem um die Themen Neubeginn, den Mut zur Veränderung und Verantwortung. Die größte Stärke des Films sind neben den derben, mitunter schwarzhumorgien Wortgefechten die beiden Hauptdarsteller Herbst und Kurth, die sich die Bälle gegenseitig zuspielen, von ihrer hitzigen Beziehung lebt der Film.

Webseite: www.movienetfilm.de

Deutschland 2015
Regie: Markus Sehr
Drehbuch: Xaõ Seffcheque, Martin Ritzenhof
Darsteller: Christoph Maria Herbst, Peter Kurth, Emma Bading, Ivo Kortlang, Dorka Gryllus, Anneke Kim Sarnau
Länge: 90 Minuten
Verleih: Movienet
Kinostart: 3. September 2015
 

FILMKRITIK:

Benno (Christoph Maria Herbst) arbeitet als Bewährungshelfer in Köln. Einer seiner kompli-ziertesten Klienten ist der Ex-Knacki Hotte (Peter Kurth), der zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt und nun auf das Sorgerecht für seine beiden Kinder pocht, nachdem deren Oma verstorben ist. Hotte ist zwar nicht wirklich interessiert an seinem Nachwuchs im Teenie-Alter, aber das Kindergeld kommt ihm gerade recht. Benno jedoch glaubt nicht daran, dass Hotte das Zeug zum verantwortungsvollen Vater hat und will ihn zurück ins Gefängnis bringen. Und Benno liegt nicht ganz falsch, denn Hotte plant bereits ein krummes Ding mit dem jugendlichen Straftäter Ivic (Ivo Kortlang), ebenfalls ein Klient von Benno. Dieser hat darüber hinaus privat zudem noch ganz andere Sorgen: seine Freundin Tanja (Anneke Kim Sarnau) wünscht sich nichts sehnlicher als Nachwuchs, weiß aber nicht, dass Benno unfruchtbar ist.

Christoph Maria Herbst und Peter Kurth liefern sich im neuen Film von Markus Sehr ("Eine Insel namens Udo") ein wildes, körperbetontes Duell um das Recht auf Resozialisierung und einen Neuanfang in Freiheit. Für den Kölner Sehr ist es der zweite abendfüllende Film, der zu weiten Teilen auch in der Rhein-Metropole entstand. Seine Premiere feierte die Komödie beim diesjährigen Münchener Filmfest. Für Peter Kurth, der in den letzten Jahren hauptsächlich im TV als Tatort-Kommissar und auf den renommiertesten Bühnen des Landes (Schauspiel Stuttgart, Maxim-Gorki-Theater u.a.) zu sehen war, bedeutet "Die Kleinen und die Bösen" die Rückkehr auf die große Leinwand.

"Die Kleinen und die Bösen" lebt von der Schärfe und der gereizten Stimmung bzw. Atmosphäre, die in der Beziehung zwischen Bewährungshelfer Benno und seinem Klienten Hotte liegt. Dabei werden die unterschiedlichen Charakterzüge und persönlichen Eigenschaften der beiden gänzlich verschiedenen Männer schon in der ersten Szene des Films deutlich, wenn Hotte – außer sich vor Wut und laut schimpfend – sein Recht auf die Fürsorge und Erziehung seiner Kinder durchsetzen will. Auf der einen Seite der abgeklärte und sachliche Bewährungshelfer (Herbst), auf der anderen der ständig pöbelnde, angetrunkene und notorisch faule Asoziale, der zuerst an das Kindergeld als das Wohl seines Nachwuchses denkt (Kurth).

Diese Kombination hat es in sich, besitzt ordentlich Zündstoff und sorgt  für die meisten Lacher im Film. Und Peter Kurth gelingt dabei das Kunststück, dass man Hotte trotz seiner teils unmöglichen und ruppigen Art ins Herz schließt. Die beiden Hauptdarsteller – Kurth als übel gelaunter Säufer und Herbst als gutmütiger Sozialarbeiter – sind Idealbesetzungen und spielen sich gegenseitig die Bälle zu. Wobei gesagt werden muss, dass Herbst als Benno im Verlauf des Films keineswegs so unschuldig und so ehrenhaft bzw. wohltätig bleibt, wie er am Anfang des Films noch zu sein scheint (Stichwort: Weste).

Regisseur Sehr beweist zudem eine gehörige Portion Mut, wenn er eine nicht unwichtige Nebenfigur bereits nach kurzer Zeit sterben lässt und dem Film damit zunächst einmal etwas von seinem zwar heftigen, aber stets locker-leichten Witz nimmt. Der Tod der Figur kommt plötzlich und unerwartet, aber Verwirrung und Überraschung darüber verfliegen recht schnell, denn schon kurz darauf kehren die Figuren wieder zu ihrem derben Humor und den rauen Sprüchen zurück, insbesondere natürlich Hotte.
Darüber hinaus reichert Sehr seinen Film mit einem bunten, illustren (Neben-) Figurenkabinett an, das es in dieser Fülle aber nicht gebraucht hätte. Darunter befinden sich u.a. eine unglückliche, weil vereinsamte portugiesische Barkeeperin, ein mit österreichischem Akzent ausgestatteter Unterwelt-Boss mit ulkiger Frisur, und Bennos labiler, leichtsinniger Arbeitskollege. Diese Figuren sorgen mitunter für eine Vielzahl an weiteren Verwicklungen und Story-Wendungen, die immer wieder für Verwirrung und für eine leichte inhaltliche Überfrachtung sorgen. Dies ist aber die einzige Schwäche dieser ansonsten durchweg amüsant-vergnüglichen, stark besetzten Sozialkomödie.

Björn Schneider