Die Kunst zu gewinnen – Moneyball

Mit Europa und den USA ist es wie mit engen Verwandten: Widerstrebend muss man Ähnlichkeiten anerkennen, betont aber umso lauter die Unterschiede. Insofern liegen zwischen den Kontinenten Welten. Und wenn es um die Lieblingssportarten geht, werden daraus Galaxien. Europäer werden nie verstehen, dass Fußball in den USA ein Sport für Highschool-Mädchen ist – und können andererseits angesichts des undurchschaubaren Regelkonvoluts von Baseball und Football ein spontanes Gähnen nicht unterdrücken. Entsprechend gelangweilt werden hierzulande Filme über besagte Sportarten aufgenommen. "Moneyball" allerdings tut man mit dieser Attitüde Unrecht. Nicht nur, weil bei einer Lauflänge von 133 Minuten höchstens gefühlte fünf Minuten Baseball zu sehen ist. Sondern vor allem, weil der mit Brad Pitt, Jonah Hill, Philip Seymour Hoffman und Robin Wright starbesetzte Film eine starre Formel mit neuem Inhalt füllt. "Moneyball" ist ein schräges Charakter-Drama, das nur in zweiter Linie auch in der Welt des Baseballs spielt.

Webseite: www.die-kunst-zu-gewinnen.de

OT: Moneyball
USA 2011
Regie: Bennett Miller
Mit Brad Pitt, Jonah Hill, Philip Seymour Hoffman, Robin Wright, Chris Pratt
133 Min.
Verleih: Sony
Kinostart: 2.2.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zu Beginn der Spielsaison 2002 steht Billy Bean (Brad Pitt), Manager der Oakland A’s, vor einem Dilemma. Er verliert seine besten Spieler an Klubs, die ihnen viel höhere Gehälter zahlen können und braucht für die verbliebene Rumpfmannschaft neue Stars. Die aber sind für sein kleines Budget nicht zu haben. Ein Teufelskreis, der sich jedes Jahr wiederholt. Um ihm zu entkommen, engagiert Billy den jungen Wirtschaftswissenschaftler Peter Brand (Jonah Hill). Der ist davon überzeugt, dass das Geheimnis des sportlichen Erfolgs nicht in den Fähigkeiten einiger überbezahlter Stars liegt, sondern in der Auswertung von Statistiken. Billy und Peter wählen Spieler aus, die eigentlich schon zu alt sind oder bisher immer übersehen wurden, aber Schlüsseltalente mitbringen, die der Mannschaft dienen. Die beiden ernten von Fans und Talent-Scouts nichts als Hohn – und scheinen mit ihrer kruden Theorie anfangs tatsächlich baden zu gehen. Bis die Oakland A’s zu einer unvermuteten Siegesserie ansetzen.

Die Geschichte entfaltet sich abseits vom Spielfeld: in den Gängen der Stadien, den Büros der Manager, bei Meetings mit Spielern, Trainer und Vereinsboss. Schon allein dadurch kommt bei "Moneyball" eine ganz andere Dramatik zum Tragen als die in dem Genre sonst übliche Feier und mythische Überhöhung des Siegers, dem allein besonders in der US-Gesellschaft der Lorbeer gebührt. Hier geht es ganz im Gegenteil eher um Außenseiter, die um Anerkennung kämpfen, aber dabei ihre Integrität nicht gewillt sind aufzugeben.

Regisseur Bennett Miller, der 2005 das Literatur-Drama "Capote" drehte, spürt diesen Figuren in langen Dialog-Sequenzen nach, die Luft zum Atmen haben und deshalb gleichzeitig anrührend skurril und sehr präsent wirken. Deshalb stehen auch die Schauspieler ganz besonders im Mittelpunkt des Films: Philip Seymour Hoffman füllt die kleine Nebenrolle des stiernackigen Trainers mit körperlicher Verve; Comedian Jonah Hill beweist wieder einmal sein Talent für gebrochene Figuren; und Brad Pitt, der den Film auch produzierte, zeigt erneut, dass das anspruchsvolle US-Kino eine ihrer wichtigsten Leitfiguren verlieren würde, sollte er seine Ankündigung wahr machen und in einigen Jahren nicht mehr vor die Kamera treten.

Oliver Kaever

Billy Bean ist Baseballmanager. Er wäre früher gerne Spitzenspieler gewesen, aber dazu hat es nicht gereicht. Jetzt managt er eben die Oakland Athletics. Doch die dürften in Kürze die rote Laterne der obersten Liga bilden, denn der Club ist arm und musste obendrein seine besten Spieler verkaufen. Was tun?

Billy Bean grübelt und grübelt. In den Verhandlungen mit den Spielerverkäufern hat er wenig Glück bzw. Geld. Doch man darf die Hoffnung eben nie aufgeben. Die Rettung kommt in diesem Falle durch den Yale-Absolventen Pete, der im Gegensatz zu den alten Vorstandsmitgliedern des Clubs die Spieler nicht nach Gutdünken aussucht, sondern mit dem Computer ermittelt, wo die Stärken, wo die Schwächen liegen, wer ein guter Werfer ist, wer ein guter Fänger, wer links- wer rechtshändig wirft, wer für welche Position auf dem Feld am geeignetsten ist, wer in seiner Spezialität bereits mit Spitzenleistungen aufgewartet hat.

Der Anpassungsprozess dauert. Die ersten Spiele der neuen Saison werden hoch verloren – die Resignation ist nicht mehr weit. Die Trainer und Mannschaftsbetreuer lehnen sich gegen Billys unnachgiebige Haltung und Petes System auf, die Stimmung im Team ist schlecht.

Billy trägt die Verantwortung. Soll er pokern oder klein beigeben? Er entschließt sich zu Ersterem. Und siehe da, die Sache kommt in Fahrt. Die Oakland Athletics sammeln Punkte, dringen bis fast an die Spitze vor. Wenn sie auch die Meisterschaft 2002 nicht holen, eines ist gewiss: Im Baseball wird es in Zukunft anders zugehen als bisher.

Der Film basiert nicht gerade 1:1 auf tatsächlichen Begebenheiten, aber Wahres ist schon dran und drin.

Brad Pitt fungiert als Produzent und Hauptdarsteller. Das bedeutet, dass er bei seiner Position selbstverständlich ein Spitzenfilmteam verpflichten konnte, und so ist die Produktion drehbuch- und regiemäßig und überhaupt filmisch-inszenatorisch ganz flott geworden. Natürlich ist alles vorhersehbar, typisch hollywoodianisch und erfolgsamerikanisch. Doch der Unterhaltung dient es sehr gut.

Rasanter amerikanischer Sport- und Aufmunterungsfilm. Für Liebhaber.

Thomas Engel