Die Legende der Prinzessin Kaguya

Mit nur wenigen Pinselstrichen entführt Isao Takahata sein Publikum in „Die Legende der Prinzessin Kaguya“, ein Märchen über destruktives Besitzstreben und den Wert der Liebe. Die betont langsame Inszenierung lädt insbesondere Fans des fernöstlichen Animationskinos dazu ein, sich in den zarten Bilderwelten zu verlieren.

Webseite: www.universumfilm.de

Japan/2013
Regie: Isao Takahata
Drehbuch: Isao Takahata
Länge: 137 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 20. November 2014
 

Pressestimmen:

"Ein Anime der legendären Ghibli-Studios bei Tokio… Ein behutsam erzähltes Meisterwerk um wahres und falsches Leben, um Pflicht und Träume, gezeichnet im Stil japanischer Tuschemalerei."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Während sich der westliche Animatiosfilm mit Hilfe modernster Computertechnologie bemüht, möglichst detaillierte Bilderwelten zu erschaffen, besinnt sich das berühmte japanische Studio Ghibli mit „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ auf das Wesentliche. „Heidi“-Regisseur Isao Takahata bedient sich alt-japanischer Wassermalerei, um eine Geschichte aus dem 10. Jahrhundert zu erzählen. Dabei spiegelt die Optik auch das Wesen des Märchens wieder, denn es geht hier um nichts anderes als die Vergänglich materiellen Reichtums gegenüber wahren Werten wie Barmherzigkeit und Liebe.

Ein Bambussammler findet eines Tages im Wald eine winzige Prinzessin, die sich in den Armen seiner Frau in ein Baby verwandelt und binnen weniger Wochen zum Mädchen heranwächst. Das Kind, das weiterhin den Namen „Prinzessin“ trägt, genießt das Spiel in der freien Natur und die Gemeinschaft mit den Sprösslingen der anderen Handwerker-Familien. Doch als der Bambussammler am Fundort seiner Tochter auf eine große Menge Gold und wertvolle Kleidung stößt, glaubt er hierin ein Zeichen für die Bestimmung seines Kindes zu entdecken. Und so wird die Prinzessin gezwungen, ihre ländliche Heimat gegen die Stadt und das unbeschwerte Spiel gegen eine strenge Erziehung einzutauschen, um eines Tages einen edlen Prinzen zu heiraten.
Bei der Botschaft des Himmels, aus dem Mädchen möge eine Prinzessin werden, handelt es sich freilich um eine Projektion des Vaters, der selbst nach Reichtum und Ansehen strebt. Indem er die Prinzessin, der später der Taufname Kaguya verliehen wird, in das Korsett der Oberschicht zwängt, tut er ihr gleich zweifach Gewalt an. Er entreißt sie nicht nur der Natur, sondern drängt ihr zudem seine eigene Definition einer „Frau von Ansehen“ auf. Kaguyas anfänglicher Widerstand ist damit auch ein Aufbegehren gegen patriarchale Strukturen. Dieses Motiv wird im späteren Verlauf des Films erneut aufgegriffen, als die Prinzessin sich weigert, die Anträge wohlhabender Werber anzunehmen, weil diese die junge Frau als Schatz und somit als Besitz beschreiben.

Insbesondere in der ersten halben Stunde begeistert „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ mit Lebensfreude und Natürlichkeit, die mit Hilfe weniger Pinselstriche auf die Leinwand gebannt werden. Trotz der reduzierten Zeichentechnik wirkt das Baby und alsbald Kleinkind wie aus dem Leben gegriffen und erwärmt nicht nur die Herzen der anderen Figuren, sondern auch das der Zuschauer. Mit fortschreitender Handlung und spätestens mit dem Werben der fünf wohlhabenden Männer wird jedoch immer stärker offenbar, dass sich die Dramaturgie dieses Märchens stark von den uns bekannten Erzählstrukturen unterscheidet. Hier sind es nicht drei, sondern fünf potentielle Prinzen, die sich beweisen müssen, was diesen Teil der Geschichte ungewohnt in die Länge zieht. Zwei recht unvermittelt einsetzende Traumsequenzen fügen sich zudem nur schwerlich in die Resthandlung ein. Zwar ist „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ von der ersten Minute an ein Märchen, doch bleibt die Handlung über weite Strecken einem gewissen Realismus verhaftet. Die Traumsequenzen und insbesondere das Ende, mit dem das Konzept schließlich in den Raum des Fantastischen übergeht, stellen hierzu fühlbare Brüche dar, die den Zuschauer aus seinem Filmerlebnis vorübergehend hinausreißen.

All das sind kleine Stolpersteine, die jedoch vor allem dem Kinderpublikum ein Hindernis sind. „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ richtet sich stärker an ein erwachsenes Publikum, an Fans des Studio Ghibli und des fernöstlichen Animationskinos, die sich von den liebevoll handanimierten Bilderwelten faszinieren lassen und es genießen können, wenn sich der Film in zärtlichen Momenten verliert. „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ nimmt sich auffällig viel Zeit, um zentrale Situationen auszuspielen und die Beziehungen der Figuren durch lange Blickwechsel zu etablieren. Isao Takahata hat einen Film geschaffen, in dem man schwelgen muss.
 
Sophie Charlotte Rieger