Die Melodie des Meeres

Eine höchst willkommene Abwechslung zu den gigantomanischen Animationsfilmen, die Hollywood meist produziert, ist Tomm Moores „Melodie des Meeres“: ein altmodisch gezeichneter, traditionell erzählter Film, der auf den Mythenschatz Irlands zurückgreift. Das Ergebnis ist ästhetisch herausragend, vor allem aber eine herzerwärmende Geschichte.

Webseite: www.24bilder.net

OT: Song of the Sea – Animationsfilm
Irland 2014
Regie: Tomm Moore
Buch: Will Collins, Tom Moore
Länge: 93 Minuten
Verleih: KSM, Vertrieb: 24Bilder
Kinostart: 24. Dezember 2015
 

Preise/Auszeichnungen:

Ausgezeichnet mit dem Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm 2015

FILMKRITIK:

Irgendwo vor der Küste Irlands lebt Ben mit seinem Vater und seiner kleinen Schwester Saoirse auf einer Insel. Die Mutter ist nach der Geburt Saoirses in den Tiefen des Meeres verschwunden, denn sie war ein Selkie, ein Wesen aus der nordischen Mythologie, das im Meer die Gestalt einer Robbe einnimmt, an Land jedoch sein Fell ablegt und sich zu einer wunderschönen Frau verwandelt. Eigentlich können Selkies auch hinreißend singen, doch Saoirse hat seit ihrer Geburt kein Wort gesprochen und gibt höchstens einmal durch eine magische Muschel einen Laut von sich.

Als die Großmutter die Kinder zu sich in die Stadt holt, da sie das Leben am Meer für viel zu gefährlich hält, kommt Ben zum ersten Mal in Kontakt mit den anderen magischen Wesen, die diese Welt bevölkern: Auf einer begrünten Verkehrsinsel findet er den Eingang zur Unterwelt, in der gute Geister leben. Diese sind jedoch durch Eulen bedroht, die sie in die typischen, an Gesichter erinnernden Steine verwandeln, von denen es in Irland viele gibt. Allein Saoirse könnte sie mit ihrem Gesang retten, doch dafür braucht sie ihr Fell, das sich weit entfernt in einer Truhe im Leuchtturm befindet. Nun muss Ben endlich dass sein, was er seiner Mutter versprochen hat: Ein guter großer Bruder für seine Schwester.

Im Kern hört sich die Geschichte um ein fehlendes Elternteil und das wachsende Band zwischen Geschwistern kaum anders an als die Moral eines typischen Hollywood-Animationsfilms. Und doch ist Tomm Moores „Melodie des Meeres“ ein völlig anderer Film, erzählt eine viel melancholischere Geschichte, die gleichermaßen erwachsener und kindlicher wirkt. Erwachsener, weil er die nordische Mythologie ernst nimmt, die Verflechtung von Realität und Legenden nicht als Hokuspokus abtut, sondern ihre emotionale Bedeutung betont. Kindlich, weil er sich nicht in überproduzierten Animationsbildern verliert, sondern mit auf den ersten Blick einfachen Mitteln eine klassische, märchenhafte Geschichte erzählt, die Zuschauer unterschiedlichen Alters auf unterschiedliche Weise wahr nehmen können.

Nicht zuletzt stilistisch ist „Melodie des Meeres“ atemberaubend: Die Animation ist einerseits betont einfach, bedient sich klarer Linien, grober Striche, die eine Welt evozieren, die von Beginn an irgendwo zwischen Realität und Mythos angesiedelt ist. Immer wieder lassen besonders emotionale Momente diese klaren Linien jedoch zerfließen, lässt Moore mit Farben und Formen eine magische Welt entstehen, die oft an ähnliche Filme aus Japan erinnert, besonders die auch thematisch verwandten Filme von Hayao Miyazaki und Isao Takahata, dessen letzter Film „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ auf vergleichbare Weise Mythen und Realität zusammenführte. Beides sind Filme, die ganz einer traditionellen Form der Animation verhaftet sind, die mehr wert auf Details und Feinheiten legt als auf überwältigende Bilder. Dass allein macht diese Filme zwar nicht so herausragend, aber in Kombination mit ihren mythischen Geschichten zeigen sie aufs Schönste, welche Vielfalt und Möglichkeiten das Animationskino zu bieten hat.
 
Michael Meyns