Die Nonne

Denis Diderots Roman erschien 1792 posthum zunächst in Deutschland und erst vier Jahre später in Paris. Insofern schloss sich ein Kreis, als Regisseur Guillaume Nicloux die Geschichte zum Teil in Deutschland verfilmte: Die Klöster Maulbronn und Bronnbach dienten als authentische Schauplätze. Es geht um eine junge Frau, die gegen ihren Willen als Nonne im Kloster leben soll. In der Hauptrolle spielt mit Pauline Ètienne eine aufregende Neuentdeckung, die großen Diven Isabelle Huppert, Martina Gedeck und Louise Bourgnon machen die weibliche Besetzung zu einem Ereignis.

Webseite: www.DieNonne-Film.de

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La Religieuse
Frankreich/Deutschland/Belgien 2013
Regie und Buch: Guillaume Nicloux
Darsteller: Pauline Ètienne, Martina Gedeck, Louise Bourgoin, Isabelle Huppert, Agathe Bonitzer
Länge: 114 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 31. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

"Guillaume Nicloux inszeniert den Klassiker als kluge Studie über Zwangssysteme – mit Isabelle Huppert und Martina Gedeck."
Berliner Zeitung

"Ein großes und doch leise erzähltes Drama über den Kampf einer Frau für Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung – ungebrochen brisant, aktuell und wichtig. – Prädikat: besonders wertvoll."
Filmbewertungsstelle Wiesbaden

FILMKRITIK:

Frankreich 1765. Suzanne Simon (Pauline Ètienne) entstammt einer ehemals wohlsituierten Familie, die sich allerdings durch die Ausrichtung der Hochzeiten von Suzannes älteren Schwestern finanziell verausgabt hat. Suzanne soll zunächst in einem Kloster leben, bis sich die wirtschaftliche Lage der Familie stabilisiert hat. Hier nimmt aber der Druck auf sie zu, auch das klösterliche Gelübde abzulegen. Bald findet sie heraus, warum: Sie wurde bei einem Seitensprung ihrer Mutter (Martina Gedeck) gezeugt, ihr Stiefvater ahnt ihre wahre Herkunft. Suzanne will für ihre geliebte Mutter Buße tun; aber bei der Zeremonie bringt sie es nicht über sich, zu lügen und bricht sie ab. Die neue Mutter Oberin (Louise Bourgoin) unterwirft sie daraufhin einem entwürdigenden Dasein als Aussätzige. Schließlich darf Suzanne in ein anderes Kloster wechseln, aber hier wird sie von der obsessiven Zuneigung der Mutter Oberin (Isabelle Huppert) fast erdrückt.

Als Jacques Rivette den Roman 1966 erstmals verfilmte, löst er mit dem Stoff noch einen Skandal aus: Es kam zu Protesten, und der französische Informationsminister ließ den Film mit der Begründung verbieten, er verletze die Gefühle eines Großteils der katholischen Bevölkerung. Seitdem hat sich an der Stellung der Religion in den säkularen europäischen Gesellschaften viel geändert. Guillaume Nicloux kann sich diesem Stoff also viel entspannter widmen. In diesem Kontext ist es fast schon wieder mutig, dass seine Version der „Nonne“ nicht Gläubigkeit an sich infrage stellt. Im Gegenteil, sein Film beharrt auf eine sehr authentische Weise auf der Schönheit spiritueller Versenkung. Dem gegenüber aber positioniert er das Recht auf Selbstverwirklichung und die Verpflichtung, auf das eigene Gewissen zu hören. Menschheitsthemen, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Im Gegenteil zu Rivette kommt es Nicloux darauf an, die Geschichte möglichst authentisch in ihrer Zeit zu verankern. Das betrifft Schauplätze, Kostüme, Schminke und Sprache. Vor allem die Bildgestaltung zieht den Zuschauer durch die Jahrhunderte und macht die Vergangenheit erfahrbar. Dazu zählen vor allem die vielen Aufnahmen, die bei Nacht und Kerzenlicht entstanden. Zur Herangehensweise an sein Script sagt der Regisseur: „Ich ließ mich von der Hitchcock-Methode inspirieren: Ich las das Buch, klappte es zu, und dann ließ ich meiner Fantasie freien Lauf.“ Man spürt die Freiheit, die er gegenüber der Vorlage gewann. So erzählt Nicloux, der selbst fast ins Priesterseminar eingetreten wäre, zwar durchaus eine Passionsgeschichte, gibt ihr aber eine positive Wendung. Und bleibt dem Aufklärer Diderots so doch treu: Nicloux feiert die frei getroffene Entscheidungsgewalt des Einzelnen gegenüber Autoritäten, mächtigen Institutionen und der eigenen Familie. Sein bildmächtiger, beobachtender Film stellt radikal das Individuum in den Mittelpunkt – und damit die wohl wichtigste Entdeckung der europäischen Aufklärung.

Oliver Kaever