Die Ökonomie der Liebe

Nicht wenige Filme enden damit, dass ein Liebespaar zusammen findet. „Die Ökonomie der Liebe“ setzt hingegen ein, als sich ein langjähriges Ehepaar zur Trennung entschlossen hat. Mit einem guten Gespür für Atmosphäre und zwei stark aufspielenden Hauptdarstellern gelingt dem belgischen Regisseur Joachim Lafosse („Loving without Reason“) ein sehr emotionales, aber absolut unkitschiges Scheidungsdrama, das nach der Uraufführung in Cannes und der Deutschlandpremiere beim Filmfest München nun regulär in den Kinos startet.

Webseite: www.camino-film.com

OT: L'économie du couple
Frankreich, Belgien 2016
Regie: Joachim Lafosse
Drehbuch: Fanny Burdino, Joachim Lafosse, Mazarine Pingeot
Darsteller: Bérénice Bejo, Cédric Kahn, Marthe Keller, Jade Soentjens, Margaux Soentjens, Francesco Italiano, Tibo Vandenborre
Länge: 95 Min.
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 3. November 2016
 

FILMKRITIK:

In „5×2“ erzählte der französische Autorenfilmer François Ozon eine Liebesgeschichte von hinten nach vorne: Am Anfang stand die Scheidung, am Ende das erste Kennenlernen am Strand. Im chronologisch erzählten „Die Ökonomie der Liebe“ findet der Entschluss zur Scheidung schon vor der ersten Szene statt. Als der Film beginnt, leben Marie (Bérénice Bejo) und Boris (Cédric Kahn) nur noch übergangsweise in ihrem Haus zusammen, weil sich Boris auf die Schnelle keine eigene Wohnung leisten kann. Nach fünfzehn Ehejahren soll die Scheidung das Ende der Beziehung besiegeln und die finanzielle Abfindung für Boris regeln, der das Heim baldmöglichst verlassen soll. Zwischen den Fronten stehen die beiden neunjährigen Zwillingstöchter, denen die Eltern die neue Situation möglichst leicht machen wollen.
 
Der Clou an „Die Ökonomie der Liebe“ ist, dass der Film bis auf zwei kleine Ausnahmen am Ende komplett im Haus des getrennten Ehepaars spielt. Wenn einer der beiden das Heim verlässt, bleibt die Kamera zurück – was draußen passiert, findet höchstens in Erzählungen statt. Kleinere Plansequenzen vermessen den reduzierten Schauplatz, der sich als passende Bühne für das letzte Kapitel der Liebesbeziehung erweist. In der schicken Wohnung, die Marie mit dem Geld ihrer Eltern finanziert und Boris mit viel Liebe renoviert hat, fand die Ehe der beiden zu weiten Teilen statt – und hier geht sie auch zu Ende. Das Schlafzimmer, das Kinderzimmer, die Küche und die Abstellkammer, in der Boris schläft, stecken den Rahmen des Dramas ab.
 
Regisseur Joachim Lafosse, der auch das Drehbuch geschrieben hat, setzt auf ein sehr übersichtliches Personal, das im Wesentlichen nur aus Marie, Boris und den beiden Töchter besteht. So gelingt es dem Belgier, den Figuren sehr nahe zu kommen. Dass dies so gut gelingt, ist auch dem nuancierten Spiel von Bérénice Bejo („The Artist“) und Cédric Kahn („Mein ziemlich kleiner Freund“) geschuldet. Die emotionale Anspannung des gescheiterten Liebespaars ist jederzeit spürbar, der Alltagsstress mit Kindern und Haushalt wirkt realitätsnah. Die genauen Gründe für die Trennung bleiben im Dunkeln und so gibt es auch keinen Buhmann. Sowohl Marie als auch Boris vertreten in ihren (Streit-)Gesprächen verständliche Ansichten, beide haben gewissermaßen Recht, beide verhalten sich beizeiten unangemessen. So kommt „Die Ökonomie der Liebe“ realen Trennungsgeschichten erstaunlich nahe und entwirft auch ohne große dramatische Zuspitzungen das gelungene Porträt einer Liebesbeziehung, die keine mehr ist.
 
Christian Horn