Die Ökonomie des Glücks

Immer mehr Menschen realisieren, dass das westliche Lebensmodel nicht mehr lange funktionieren wird. Bei diesem Publikum rennen die Regisseure Steven Gorelick, Helena Norberg-Hodge, John Page mit ihrer Dokumentation „Die Ökonomie des Glücks“ offene Türen ein und tragen vielfältige Informationen zusammen, die das Scheitern der Globalisierung aufzeigen.

Webseite: braveheartsinternational.com

USA 2011 – Dokumentation
Regie, Buch: Helena Norberg-Hodge, Steven Gorelick, John Page
Länge: 65 Minuten
Verleih: BraveHearts International
Kinostart: ab 1. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zunehmend setzt sich in den westlichen Gesellschaften die Erkenntnis durch, dass es so nicht weitergeht. Immer häufigere Wirtschaftskrisen, Umweltkatastrophen, klimatische Veränderungen und allerlei andere Katastrophenmeldungen haben Kapitalismuskritik ins Zentrum des Denkens geführt. Die Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskräften kann nicht endlos weitergehen und erfüllt zudem auch nicht das Versprechen, durch ständigen Konsum zum Glück zu gelangen – die Raison d’ètre des Kapitalismus.

Dem Bild vom Kapitalismus als Krebsgeschwür folgend, beginnt die Dokumentation „Die Ökonomie des Glücks“ – eine Gemeinschaftsarbeit der Globalisierungskritiker Helena Norberg-Hodge, Steven Gorelick und John Page – in Ladakh, einer Region im tibetischen Hochland. Seit Jahrzehnten verbringt Norberg-Hodge viel Zeit in den abgelegenen Dörfern, die früher völlig frei von den Einflüssen des Westens waren – und deshalb glücklich. Man hatte wenig, aber es reichte zum Leben. Erst das Eindringen westlicher Kultur, westlicher Werte, die das Streben nach Konsum, Schönheit, Wohlstand propagierten, veränderte auch die Tibeter. Durch den Vergleich zum in den westlichen Medien beschworenen Wohlstand fühlen sie sich nun arm – und daher unglücklich. So oder so ähnlich geht es den Menschen in weiten Teilen der Welt, die nach dem westlichen Lebensmodell streben, das ihnen als Allheilmittel für alle Sorgen und Probleme gilt. Dabei fühlen sich gerade die Menschen des Westens selbst zunehmend unglücklich mit ihrem Leben.

Zahlreiche Untersuchungen führen die Autoren an, die belegen, dass Glück nicht automatisch durch mehr Konsum erreicht wird, dass im Gegenteil die westliche Welt bei allem Wohlstand immer unzufriedener wird. Das ist nachvollziehbar und führt doch zum entscheidenden Problem der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik: Das Aufgeben des Konsumgedankens, der längst Teil der DNA westlicher Gesellschaften ist, dürfte das größte und vielleicht auch unüberwindliche Hindernis auf dem Weg zu einer grundlegenden Veränderung westlicher Kulturen sein, die zwingend notwendig ist. Die allerdings von engagierten Dokumentation wie dieser meist ignoriert wird.

So interessant viele der von Norberg-Hodge, Gorelick und Page zusammengetragenen Informationen auch sind, wenn es an Lösungsvorschläge geht, wird auch „Die Ökonomie des Glücks“ zu einem naiven Plädoyer. Das hier gebrauchte Zauberwort heißt „Lokal“. Keine Lebensmittel und andere Produkte aus fernen Ländern soll man konsumieren, die im Zuge der Globalisierung auf absurde Weise um den Globus transportiert werden, sondern in der Nähe produziertes, eben lokales. Dass ist natürlich ein hübscher Gedanke, der für westliche Wohlstandsbürger auch durchführbar ist und gerade in den Großstädten zu einem immer beliebteren Hobby geworden ist, dass zudem ein gutes Gewissen macht. Die entscheidende Frage ist aber, ob auf diese Weise, mit einer Rückkehr zu traditioneller Landwirtschaft, die gesamte Erdbevölkerung von inzwischen sieben Milliarden zu ernähren ist und nicht nur ein paar in relativem Wohlstand Lebende westliche Nutznießer der Globalisierung.

Michael Meyns

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