Die Poesie der Liebe

Mit seinem Regiedebüt „Die Poesie der Liebe“ porträtiert der französische Autor und Schauspieler Nicolas Bedos eine Liebesgeschichte, die 1971 beginnt und im Jahr 2003 endet. Heraus gekommen ist ein auf die feinen schauspielerischen Leistungen von Nicolas Bedos und Doria Tillier konzentriertes Lebensdrama, das auf ein Arthouse-Publikum im gehobenen Alter zugeschnitten ist.

Webseite: www.temperclayfilm.de

OT: Mr & Mme Adelman
Frankreich, Belgien 2017
Regie: Nicolas Bedos
Drehbuch: Nicolas Bedos, Doria Tillier
Darsteller/innen: Doria Tillier, Nicolas Bedos, Denis Podalydès, Antoine Gouy, Christiane Millet, Pierre Arditi, Julien Boisselier
Laufzeit: 120 Min.
Verleih: temperclayfilm
Kinostart: 20. Dezember 2018

FILMKRITIK:

Bei der Beerdigung des Literaturstars Victor Adelman (Nicolas Bedos) sorgen dessen seltsame Todesumstände für Gesprächsstoff. Klärung kann Adelmans Witwe Sarah (Doria Tillier) bringen, die dem Verstorbenen über vierzig Jahre lang in Liebe verbunden war. In einem Gespräch mit dem Nachwuchsautor Antoine (Antoine Gouy), der eine Adelman-Biographie verfassen will, rekapituliert Sarah die Stationen des gemeinsamen Lebens mit Victor.
 
Antoines Interview mit Sarah dient der Liebeschronik als erzählerische Klammer. Dazwischen resümieren insgesamt zwölf mit Titeln wie „Strategie des Zufalls“ oder „Ekstase“ überschriebene Kapitel die große Liebe zwischen Sarah und Victor. Als die beiden in jungen Jahren 1971 in einem Pariser Club aufeinandertreffen, funkt es sofort, doch im Gegensatz zu Sarah will der zu dieser Zeit noch erfolglose Victor keine feste Bindung zulassen. Der Zufall – oder das Schicksal? – führt die beiden jedoch erneut zusammen.
 
Victor und Sarah heiraten, bekommen Kinder, ringen mit Eifersüchteleien und lernen, mit dem Reichtum und Ruhm des Literaturstars Adelman umzugehen. An Höhen und Tiefen mangelt es in der lebhaften Beziehung nicht, wobei das von Nicolas Bedos und Doria Tillier geschriebene Skript naturgemäß vor allem die Krisen in den Blick nimmt. Das Kapitel, in denen das Paar frisch verliebt ist, fällt besonders kurz aus. Die Phase sei langweilig, meint Sarah im Interview, weil sie und Victor einfach nur glücklich waren.
 
Der Autor und Schauspieler Nicolas Bedos, der die männliche Hauptrolle als Victor spielt und erstmals Regie führt, inszeniert die von 1971 bis ins Jahr 2003 andauernde Liebesgeschichte in gediegener Manier. Der Fokus auf die Dialoge, die hier oft beim Abendessen stattfinden, und Sarahs in die jeweiligen Abschnitte einleitende Erzählerinnenstimme erzeugen einen literarisch wirkenden Erzählfluss, bei dem Montagen zu Musik die vergehende Zeit illustrieren. Das Make-up, das die Mimen über die Jahre altern lässt, fällt nicht immer hollywoodreif aus, erfüllt aber durchaus seinen Zweck.
 
Ausnahmen vom zurückhaltenden Filmstil bilden vereinzelte Aufnahmen, in denen sich die von Nicolas Bolduc („Chuck – Der wahre Rocky“) geführte Kamera frei bewegt und etwa um Victors Schreibtisch kreist, während dieser wie im Rausch seinen Erstlingsroman tippt.
 
Die filmische Raffinesse von vergleichbaren Liebeschroniken wie Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ oder François Ozons „5×2 – Fünf mal zwei“ erreicht „Die Poesie der Liebe“ zwar nicht, vermag aber dennoch zu unterhalten. Schon der Umstand, dass die Geschichte mehrere Jahrzehnte mit den entsprechenden Kostümen und Dekors umfasst, sorgt für Abwechslung. Auch der teils zynische Humor funktioniert, wenn Victor beispielsweise seinen langjährigen Therapeuten aufsucht, während dieser im Sterbebett einfach nur seine Ruhe haben will.
 
Christian Horn