Die Poesie des Unendlichen

Bewegend inszeniert Newcomer Matthew Brown sein Biopic über das faszinierende indische Mathematikgenie Ramanujan, einem Autodidakten und Querdenker mit revolutionären Theorien. Im Mittelpunkt seines einfühlsamen Historienepos samt Culture-Clash steht, neben dem Kampf um Anerkennung im eurozentrischen Wissenschaftsbetrieb, eine außergewöhnliche Freundschaft. Im klassischen „Fish-out-of-Water“-Szenario überzeugt  Slumdog Millionaire-Star Def Patel neben dem brillanten Oscarpreisträger und Spezialist für historische Charaktere Jeremy Irons. Die Leinwandpräsenz des 67jährigen Charakterdarstellers ist nach wie vor überragend.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

OT: The Man Who Knew Infinity
USA/Großbritannien/Indien 2015
Regie: Matthew Brown
Drehbuch: Matthew Brown
Darsteller: Jeremy Irons,  Dev Patel, Toby Jones, Stephen Fry, Devika Bhise, Arundhati Nag.
Länge: 114 Minuten
Verleih:   Wild Bunch Germany, Vertrieb: Central
Kinostart: 12.5.2016
 

FILMKRITIK:

Die indische Hafenstadt Madras, 1913: Der 25-jährige Srinavasa Ramanujan (Dev Patel) malt im Hindu-Tempel mit Kreide hingebungsvoll mathematische Formeln wie ein Kunstwerk auf den Boden. Der gläubige Brahmane ist beseelt von der Welt der Zahlen. Sein einzigartiges Gespür bleibt freilich ohne Resonanz. Mutig schreibt er deshalb an G. H. Hardy (Jeremy Irons), einen bedeutenden britischen Mathematikprofessor am Trinity College in Cambridge. Dieser erkennt tatsächlich Ramanujans Originalität und Brillanz. Gegen Widerstände aus den eigenen akademischen Reihen setzt Hardy zusammen mit seinem Kollegen Littlewood (Toby Jones) durch, den „Rohdiamanten“ samt seiner unkonventionellen Ideen einzuladen.
 
Frisch verheiratet verlässt Ramanujan für eine Reise ins Ungewisse sein Land, seine geliebte junge Frau Janaki (Devika Bhisé) und seine besorgte Mutter Komalatammal (Arundhati Nag). Der Autodidakt jongliert mit mehrfach verschachtelten Wurzelausdrücken wie kein anderer. Doch der Großteil der gelehrten Herren am englischen Trinity College, an dem einst Newton studierte, fragen sich, was dieser junge Mann aus der britischen Kolonie Indien bei ihnen im Elfenbeinturm der hehren Wissenschaft zu suchen hat. Und so beginnt für Ramanujan in der kalten Fremde ein harter Kampf um Anerkennung. Selbst sein Mentor ist ihm dabei zunächst wenig Hilfe. Denn ein ums andere Mal fordert er von ihm Beweise für seine verblüffenden Theorien.
 
Als der erste Weltkrieg ausbricht, verschlimmert sich seine Lage zusehends. Offener Rassenhass schlägt ihm entgegen. Verblendete Soldaten prügeln ihn fast zu Tode. Körperlich am Ende arbeitet er trotzallem verzweifelt weiter. Denn schließlich möchte er seine mathematischen Werke endlich veröffentlicht sehen. Als ihm jedoch seine geliebte Frau Janaki in ihrem Abschiedsbrief mitteilt, dass sie zu ihrem Bruder zurückkehrt, sieht er für sich keinen Ausweg mehr.
 
Die Bedeutung der Mathematik in Theorie und Praxis steht sicher außer Zweifel. Doch viel zu häufig verwehrt das Schulrechnen vielen den Blick auf die inspirierende Schönheit, um die strahlende Pracht des großartigen Gedankengebäudes zu entdecken. In dem bewegenden Biopic erfährt der Zuschauer gerade so viel über Mathematik, um neugierig auf mehr zu werden. Und auch Charakterdarsteller Jeremy Irons ließ sich vom Zaubergarten der Mathematik faszinieren. „Ich erkannte, dass diese Wissenschaft“, verrät der Oscarpreisträger, „die mir immer seelenlos erschien, unendlich viele Wunder, Geheimnisse und Kunst enthält“.
 
Nicht zuletzt deshalb verkörpert der 67jährige Engländer den britisch-kühlen Wissenschaftler und Mentor G. H. Hardy derart überragend. Als elitärer Cambridge-Professor und Atheist ist der Exzentriker der genaue Gegenentwurf zu seinem Ziehsohn, dem emotionalen Zahlengenie und gläubigen Brahmanen Ramanujan aus dem kolonialen Südindien. Mühelos verleiht Irons seiner Figur, Ausstrahlung, Noblesse, und am Ende ein mitfühlendes Herz. Aber auch Slumdog Millionaire-Star Def Patel überzeugt im klassischen „Fish-out-of-Water“-Szenario an seiner Seite. In jeder Minute kann der Zuschauer den Kulturschock, den sein Protagonist durchlebt, glaubwürdig nachempfinden.
 
Nichts erinnert dabei mehr an den hyperagilen, euphorischen jungen Hotelmanager Sonny Kapoor mit seinen blumigen Sprüchen und beschwörenden Gesten aus der Feelgood-Komödie „Best Exotic Marigold Hotel“. Eine ernsthafte Performance mit Zwischentönen, Nuancen und erstaunlicher Komplexität, die ihn nicht zum Klischee-Inder macht. Eine wahre Entdeckung ist freilich Devika Bhise als seine Ehefrau Janaki. Im goldenen Licht Indiens strahlt die Schönheit der gebürtigen New Yorkerin doppelt.
 
Unverkennbar wandelt Regisseur Matthew Brown auf den Spuren der oscarprämierten Filme über naturwissenschaftliche Genies wie „The Imitation Game“ oder „Die Entdeckung der Unendlichkeit“. Trotz gradliniger Inszenierung gelingt es dem Newcomer, sein auf dem Buch von Robert Kanigel basierendes Biopic über das Leben eines der wichtigsten Mathematikers des 20. Jahrhunderts zu einem Glanzlicht zu machen. Das verdankt er neben seinem Schauspiel-Ensemble seinem Kameramann Larry Smith, dessen Karriere bei Kultregisseur Stanley Kubrick begann. Nicht zuletzt besticht das Melodram durch den Kontrast zwischen reizvoller, indischer Landschaftskulisse und klassisch ehrwürdiger Tudor-Architektur des Trinity College in Cambridge.
 
In seinen Dramatisierungen der wahren Geschichte eines Lebens, in dem Genie, historische Bedeutung und persönliche Tragik so verschmelzen, ist auch das Drehbuch recht geschickt. Der 23jährige Srinavasa Ramanujan schuf  600 Formeln und Sätze für Bereiche, die zu seiner Zeit nicht einmal existierten, wie etwa schwarze Löcher. Bis heute entdecken Forscher in seinen Schriften neue Ideen. Erst seit wenigen Jahren versteht man überhaupt, was der Tamile, der krank und erschöpft 1920 mit 32 Jahren in Indien an Tuberkulose stirbt, in seinen Notizbüchern aufgeschrieben hat.

Luitgard Koch

Vom „Slumdog Millionär“ zum Mathe-Genie: Dev Patel gibt in diesem Biopic den indischen Rechenkünstler Srinivasa Ramanujan, dessen Fähigkeiten 1913 von einem britischen Professor entdeckt wird, der das Naturtalent nach Cambridge holt. Die elitäre Kaderschmiede gibt sich freilich wenig weltoffen, doch der junge Inder macht trotzig seinen Weg. Dem konventionell gestrickten, glatt erzählten Feelgood-Biopic bietet der kongeniale Comedian Stephen Fry in einer furiosen Nebenrolle die notwendigen emotionale Ecken und Kanten. Von dessen Lässigkeit hätten sich die glanzlosen Hauptdarsteller Dev Patel und Jeremy Irons gerne ein paar Scheiben abschneiden können.    

Da hat sich Jeremy Irons in der Rolle des renommierten Mathematik-Professors G.H. Hardy wohl etwas verrechnet, als er anno 1913 einen jungen, armen Rechenkünstler aus Indien nach Cambridge holt – denn die eitle Akademiker-Elite der Kolonialmacht will sich von dem Underdog ohne Schulabschluss keinesfalls in den Schatten stellen lassen. Kaum in England angekommen, sieht sich das 26-jährige Zahlen-Genie alsbald rassistischen Rempeleien ausgesetzt. Fern der Heimat trauert der frische Vermählte seiner großen Liebe nach, die merkwürdigerweise all seine Briefe unbeantwortet lässt. Das Verhältnis zu seinem Mentor bekommt gleichfalls Risse, verlangt der unnahbare Professor von seinem Studenten doch stets eine saubere Herleitung seiner Gleichungen, was dem ungestümem Talent des Autodidakten überhaupt nicht liegt.
 
„Slumdog Millionär“ trifft „A Beautiful Mind“ heißt die Formel für dieses Biopic über den genialen Wissenschaftler Srinivasa Ramanujan, dessen außergewöhnliche Leistung nur widerwillig von der britischen Fachwelt anerkannt wurde. Wie im Genie-Genre gängig, rattern die vorgeführten Rechenleistungen bei 99 Prozent des Publikums ohne nachvollziehbaren Wow-Effekt oder emotionalen Mehrwert vorbei. Immerhin dürfte Darsteller Stephen Fry sein Vergnügen an dieser filmischen Mathearbeit gehabt haben, zählt der Comedian doch zu einem wahren Wissens-Freak, wie er seit 2003 in seiner TV-Show „Quite Interesting“ brillant beweist. Sein Auftritt als snobistischer Sir Francis Spring im kolonialen Indien erweist sich einmal mehr als überaus amüsantes Highlight – leider ist das vergnügliche Gastspiel nur von kurzer Dauer. Gegen den lässigen Charismatiker fallen die Hauptdarsteller deutlich ab. Während Oscar-Preisträger Jeremy Irons den knorrigen Professor gelangweilt auf Auto-Pilot gibt, bleibt Dev Patel („Slumdog Millionär“) als sein Schüler auffallend blass und eindimensional. Seinem bald sehr nervigen Getue nimmt man zu keine Sekunde das Rechen-Genie ab, ebenso unglaubwürdig bleibt das Verhältnis zu seiner verlassenen Ehefrau oder jenes zu seinem Lehrer. Selbst die Bilder von Kameramann Larry Smith, der immerhin bei drei Stanley Kubrick-Filmen mitgearbeitet hat, verkommen zu Kitschpostkarten.
 
Das emotionale Potenzial dieser Geschichte wird weitgehend verschenkt, stattdessen sorgt eine biedere Malen-nach-Zahlen-Dramaturgie für ein sentimentales Biopic der ziemlich eintönigen Art. Ursprünglich wollte Stephen Fry selbst diese Geschichte auf die Leinwand bringen und hätte dabei auch gewiss nicht die biografisch belegte, latent homoerotische Komponenten dieser Story verschwiegen. Regisseur und Autor Matt Brown entschied sich stattdessen mutlos für die konventionelle Fastfood-Variante mit triefender Soundtrack-Soße. Selbst die Auflösung der unerwiderten Briefe findet eine läppische Auflösung, die jedes scripted-reality-Format besser geboten hätte. Mit solch sehr kleinem dramaturgischen Einmaleins dürfte er sich beim Publikum wohl ziemlich verrechnet haben.

Dieter Oßwald