Die Räuberin

Markus Busch hat sich als Drehbuchautor vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Dominik Graf einen Namen gemacht. Gemeinsam schrieben die beiden unter anderem die Bücher zu „Bittere Unschuld“ und „Der Felsen“, zuletzt zu Grafs Part der „Dreileben“-Trilogie, „Komm mir nicht nach“. Jetzt legt Busch sein Regie-Debüt vor. Die Geschichte spielt in einem Dorf an der norddeutschen Küste und überrascht mit einer ausgefeilten Bildsprache.

Webseite: www.dejavu-filmverleih.de

Deutschland 2011
Regie und Drehbuch: Markus Busch
Kamera: Filip Piskorzynski
Musik: Max Berghaus
Darsteller: Birge Schade, Daniel Michel, Anna Stieblich, Kai-Ivo Baulitz
Länge: 92 Minuten
Verleih: deja-vu Film
Kinostart: 21. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Winter in Norddeutschland. Stürme peitschen über das flache Land, Wolken jagen über den tief hängenden Himmel. In einem alten Haus verkriecht sich eine offensichtlich verlorene, einsame Frau. Man erfährt nicht viel über sie. Tania (Birge Schade) kommt aus München und ist Schauspielerin, die eine Auszeit genommen hat. Sie raucht viel, sitzt herum und scheint nicht recht zu wissen, was sie tun soll. Bei einem Spaziergang am stürmischen Strand trifft sie auf den Jugendlichen Thore (Daniel Michel), der ihr wirre Geschichten erzählt. Trotzdem fühlen sich die beiden von Beginn an magisch angezogen. Ganz im Gegensatz dazu stehen Tanias Erfahrungen mit den Dorfbewohnern, die ihr entweder die kalte Schulter zeigen oder hinter ihrem Rücken tuscheln. Als sich das Verhältnis zwischen ihr und Thore intensiviert, schlägt das Verhalten der Dörfler in offenen Hass um.

In „Die Räuberin“ spielt der Drehort eine große Rolle. Die norddeutsche Landschaft – das graue Meer, der endlose Strand, die kahlen Bäume – spiegelt in romantischer Tradition die Seelenlandschaft der Protagonisten. Diese offene Fläche, die dem Sturm keinen Einhalt gebietet, ist eigentlich denkbar schlecht dazu geeignet, um sich zu verstecken. Es sei denn, man duckt sich so tief in die Wiesen wie die Häuser der Dorfes. Aber auch das hilft Tania nur kurze Zeit. Sie kann den Leerstellen ihres Lebens nicht entkommen; hier in der Einsamkeit brechen vergessene Wunden erst recht wieder auf.

Die Bilder dieses Films sind mit einer Atmosphäre der latenten Gewalt angefüllt. Unscharfe Bildflächen, Panorama-Einstellungen der gleichzeitig wunderschönen und wie tot daliegenden Landschaft – Kameramann Filip Piskorzynski fängt das in drängenden Kadragen ein. Immer wieder spitzt die Geschichte dieses untergründige Gefühl der Bedrohung zu, am stärksten in einer Sequenz, in der drei Dörfler in Tanias Haus eindringen und sie zum Schnapstrinken animieren. Doch die Gewalt bricht nie aus, sie bleibt ein drückendes Gefühl. Markus Busch bleibt insofern dem Universum treu, das er gemeinsam mit Dominik Graf geschaffen hat und das aus Mehrdeutigkeit und Andeutung besteht. Der Fiebrigkeit der Grafschen Inszenierungskunst setzt er den beschriebenen Natursymbolismus entgegen.

Ausgerechnet auf der Drehbuchebene aber schwächelt Busch bei seinem Regie-Debüt. Spätestens nach der Hälfte des Films bröckelt das Konstrukt aus zurückgenommenem Erzähltempo und metaphorischer Bildsprache, weil immer deutlicher wird, das auf der Erzählebene eigentlich gähnende Leere herrscht. Die Geschichte bleibt erst zu nebulös und wird dann unangenehm vordergründig: Natürlich gibt es in Tanias Leben ein traumatisches Ereignis, und natürlich entwickelt sie Thore gegenüber einen Mutterkomplex. Die vorher so beeindruckende Bildsprache rutscht durch die schwache Story ins Prätentiöse, denn die mit Symbolik aufgeladenen Einstellungen verweisen auf einen nur behaupteten Bedeutungsraum. Und Dialogzeilen wie „Ich fühle nichts, Thore“ oder „Dir kann ich meine schlimmsten Träume erzählen“ verstärken den unangenehmen Eindruck noch, hier werde Seelenleid zu Nabelschau-Kitsch.

Oliver Kaever

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