Die Rüden

Ein ebenso faszinierender wie schwieriger Film und ein Ausflug in die Untiefen der menschlichen Seele: Die Geschichte von vier hoch aggressiven Häftlingen, die unter Aufsicht einer taffen Trainerin mit gefährlichen Hunden arbeiten sollen, ist eine theatrale Inszenierung, wirkt aber über lange Strecken wie eine Dokumentation. Das ist nicht nur originell, sondern lädt direkt zum Nachdenken ein, wobei am Ende mehr Fragen als Antworten stehen. Warum werden Männer gewalttätig? Was macht ihre Männlichkeit so toxisch? Aber auch: Wer therapiert hier eigentlich wen? All das ist hoch spannend und macht den Film vermutlich zu einer der interessantesten deutschen Produktionen der letzten Jahre. Absolut sehenswert!

Webseite: https://dierueden-derfilm.de

Dokumentarfilm
Deutschland
Regie: Connie Walther
Konzept: Nadin Matthews
Kamera: Birgit Gudjonsdottir
Musik: Hans-Joachim Roedelius, Arnold Kasar
107 Minuten
Verleih: Real Fiction
Start: eigentlich April 2020

FILMKRITIK:

Am Anfang und am Ende stehen Bilder, die an einen Science Fiction-Film erinnern: eine triste Mondlandschaft, in die eine unterirdische Arena eingebaut wurde, als leicht surreal anmutender Schauplatz. Auch die handelnden Figuren – die vier Gefangenen, die Hundetrainerin und die beiden Beobachter, offenbar Anstaltspsychologen – scheinen aus einer anderen Wirklichkeit zu stammen. Die Kostüme der Beobachter könnten aus alten Raumschiff-Enterprise-Folgen stammen. Die schwarz gewandete Hundetrainerin, durchtrainiert, großflächig tätowiert und aus naheliegenden Gründen mit bandagierten Unterarmen, sieht aus wie die Überlebende eines Endzeitfilms. Lediglich die hellgrauen Overalls der Häftlinge wirken einigermaßen normal, beinahe wie Spielanzüge. Ein trügerischer Eindruck, denn schon die ersten Bilder der Männer unter der Dusche zeigen ihr Aggressionspotential. Das gleiche gilt für die Hunde, die ebenso wie die Männer eingesperrt leben. Mit großer Gelassenheit beginnt die Hundetrainerin Lu ihre Arbeit. Offenbar geht es darum, dass ihr Training in Form einer Anti-Aggressionstherapie den Häftlingen einen Neustart ermöglichen könnte. Am Ende könnten Mann und Hund dazugelernt haben, ebenso wie Lu selbst.

Hier geht es eindeutig um die Ursprünge und Auswirkungen von männlicher Gewalt. Connie Walther hat ihren Film gemeinsam mit der profilierten Hundetrainerin Nadin Matthews konzipiert, unterstützt von echten (entlassenen) Strafgefangenen und mit tatsächlich aggressiven Hunden. Die Gegenüberstellung von gewalttätigen Männern und Hunden funktioniert wie ein Brennglas: Sie konzentriert den Blick auf die wesentliche Gemeinsamkeit der beiden Parteien, nämlich auf die unkontrollierte und womöglich unkontrollierbare Aggression. Dabei geht es nicht um moralische Kriterien, auch nicht darum, ob Tier und Mensch irgendwie liebens- oder bemitleidenswert sind, und es spielt keine Rolle, ob man Männer und Hunde eigentlich vergleichen kann, was den Umgang mit ihren animalischen Instinkten betrifft. Der Titel legt dies nahe, aber eigentlich steht die Hundetrainerin im Mittelpunkt, die in ihrer Ruhe und Furchtlosigkeit sowohl den Männern als auch den Hunden gegenüber zunächst unerschütterlich wirkt, wie ein Fels in der Brandung. Zu Beginn scheint es Lu (Nadin Matthews) relativ schnell zu gelingen, den Kreislauf der Gewalt bei den Hunden zu unterbrechen. Ihre Handlungen sind kühl, ruhig und überlegt. Doch funktioniert ihre Taktik bei den Männern ebenso wie bei den Rüden? Und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die verbale Kommunikation im Zusammenspiel mit der nonverbalen?

In streng kadrierten, oft düsteren Bildern, die manchmal geradezu mystisch überhöht werden, ohne dass sie gänzlich ins Esoterische hinübergleiten, begleitet von schlichten Piano- und Synthesizerklängen, präsentiert Connie Walther einen artifiziell gestalteten Film mit vielen realen Bezügen. Die konsequente Formsprache, die Gegensätze von Licht und Schatten innerhalb und außerhalb des Scheinwerferkegels in der Mitte der Arena schaffen zunächst eine dichte, beinahe expressionistische Atmosphäre. Dennoch bleibt das Ergebnis realistisch, auch wenn gelegentlich die Symbolik regiert: in Zeitlupe fallende Wassertropfen, eine zu Boden sinkende einzelne Feder – all das gehört zu einer bis in die letzte Einzelheit geplanten Inszenierung und löst Assoziationen aus, die den Blick fürs Wesentliche schärfen. Die Gefahr bleibt stets spürbar, jedoch agiert Lu tatsächlich in einem geschützten Raum, umgeben von Wachen und Hundeführern. Die Männer wissen, dass sie beobachtet werden. Die Hunde tragen Beißkörbe und werden zumindest zu Beginn in der Mitte der Arena an einer Leine festgehalten. Trotzdem bleibt die Aggressivität der Hunde bedrohlich, bedrohlicher als die der Männer. Die Hundetrainerin ist die Bezugsperson für alle, für Mensch und Tier, sie ist die Leiterin, benötigt aber kein offensiv autoritäres Verhalten, um ihren Führungsanspruch durchzusetzen. Merkwürdigerweise scheint die Tatsache, dass sie eine Frau ist, dabei kaum eine Rolle zu spielen. Ihre Bewegungen sind eher burschikos als betont weiblich, in ihrem Äußeren spiegeln sich weder Koketterie noch Trotz, sie erscheint als das personifizierte Selbstvertrauen, hochgradig aufmerksam, sehr authentisch und energisch. Doch ist sie selbst nicht frei von Ängsten und Zweifeln, kann aber damit umgehen. Sie lässt sich Zeit, in allem. Und so ergibt sich bald die Frage: Könnte darin vielleicht das Geheimnis des Umgangs mit Aggression liegen?

Das Prinzip der angstfreien Kommunikation scheint sich hier zu bewahrheiten. Kein Machtgehabe, kein Geschrei, kein diktatorisches Verhalten, stattdessen Aufmerksamkeit, Zuhören und Gelassenheit? Eine Resozialisierung setzt Sozialisierung voraus. Je mehr die Handlung fortschreitet, die zwar in einzelne Tage eingeteilt ist, aber ansonsten nur ansatzweise nach klassischen dramaturgischen Regeln aufgebaut ist und kaum Höhepunkte aufweist, desto mehr geht es um Solidarität, um Mitleid und um die Sorge für sich selbst und füreinander, um den Blick auf den anderen. Vielleicht liegt am Ende der größte Fortschritt darin, dass die Männer in der Lage sind, ernsthaft über sich selbst und den anderen zu sprechen, statt sich anzubrüllen oder Faxen zu machen. Wenn am Ende Lu in der Ferne der Mondlandschaft verschwindet, hat sie jedenfalls etwas bewirkt, sowohl bei den Männern als auch bei den Hunden.

Gaby Sikorski