Die Sanfte

Beißend ironisch ist der Titel des dritten Spielfilms von Sergei Loznitsa, einem in der ehemaligen UdSSR geborenen Ukrainer, der seit langem in Berlin lebt und den politischen und vor allem moralischen Verfall Russlands aus der Ferne analysiert. Schon immer kritisch, aber noch nie so schonungslos wie in „Die Sanfte“, dem besten Film des letztjährigen Cannes-Wettbewerbs.

Webseite: grandfilm.de/die-sanfte/

Krotkaya
Frankreich/ Deutschland/ Litauen/ Niederlande 2017
Regie & Buch: Sergei Loznitsa
Darsteller: Vasilina Makovtseva, Marina Kleshcheva, Lia Akhedzhakova, Valeriu Andriuta, Boris Kamorzin, Sergei Kolesov, Larisa Simonova
Länge: 143 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: Frühjahr 2018

FILMKRITIK:

Namenlos ist die Titelfigur, die Sanfte (Vasilina Makovtseva), die zu Beginn des Films ein Paket mit dem Hinweis: „Unzustellbar“ zurückbekommt. Adressiert war es an ihren Mann, der in einem Gefängnis einsitzt, wofür, bleibt offen, weder die Frau weiß, was genau ihrem Mann vorgeworfen wird, noch das System selbst scheint zu wissen, weswegen der Mann inhaftiert ist. Und auch warum er das Paket nicht bekommt, wird nicht geklärt werden, in dieser Kafkaesken Welt, in die die Frau eintaucht.
 
Im Zug macht sie sich auf den Weg zum Gefängnis, gerät an meist abweisende Beamte, die ihr ausweichende oder missverständliche Auskünfte erteilen, von einem Schalter zum nächsten schicken, auf eine endlose Suche nach Antworten, nach Anstand. In der Ortschaft, die vom Gefängnis zu leben scheint, gerät sie an eine Wirtin, die ihr zu helfen scheint, sie in ihre Herberge mitnimmt, die sich jedoch schnell als Höhle des Lasters erweist: Gesoffen und gefeiert wird hier, vulgär geflirtet als gäbe es kein Morgen, als wäre ohnehin alles egal.
 
Allein die Frau bewahrt ihre Würde, ihre Sanftheit, versucht mit stoischer Ruhe, Antworten zu bekommen, ein Lebenszeichen ihres Mannes, von dem sie seit langem nichts gehört hat, von dem sie noch nicht einmal weiß, ob er hinter den schweren Gefängnismauern überhaupt noch am Leben ist.
 
Schonungslos, roh, schroff ist das Bild von Russland, das Sergei Loznitsa in „Die Sanfte“ zeichnet, seinem dritten Spielfilm, den er aus offensichtlichen Gründen nicht in Russland drehen konnte. Stattdessen war eine kleine Ortschaft in der ehemaligen sowjetischen Republik Litauen Drehplatz, was gut zu der bewussten Unbestimmtheit in Ort und Zeit passt. Weder wo noch wann „Die Sanfte“ genau spielt erfährt man, manchmal wirken die Bilder wie Aufnahmen aus den 80ern, dann deuten Handys auf die Gegenwart, doch am Ende ist diese Unbestimmtheit genau der Punkt.
 
Wenig scheint sich in dieser Welt verändert zu haben, schon gar nicht ein autoritäres System, in dem jeder sich selbst der nächste ist und scheinbare Freundlichkeit sich schnell als Versuch entlarvt, persönlichen Profit zu ergattern. Zusammen mit dem brillanten rumänischen Kameramann Oleg Mutu, der viele der wichtigsten Filme der rumänischen Welle der letzten Jahre gefilmt hat, fängt Loznitsa das Geschehen in langen Plansequenzen ein, oft minutenlangen Einstellungen, die mit unerbittlicher Härte auf die Menschen blicken.
 
Man mag sich nun fragen, für wen so ein Film gedreht wird, wer das intendierte Publikum dieser internationalen Produktion ist, die in Russland selbst wohl nie zu sehen sein wird, sondern nur auf westlichen Festivals, in westlichen Arthouse-Kinos läuft. Doch auch wenn Loznitsa hier gängigen Vorstellungen entspricht, ein verrohtes Volk zeigt, dass durch sein politisches System praktisch jegliche Mitmenschlichkeit verloren zu haben scheint: Er tut dies mit solcher filmischer Wucht, dass man ihm gerne nachsieht, dass er mit „Die Sanfte“ offene Türen einrennt.
 
Michael Meyns