Die schönen Tage von Aranjuez

Rund fünfzig Jahre Freundschaft verbinden den deutschen Regie-Altmeister Wim Wenders („Paris, Texas“) und den österreichischen Schriftsteller Peter Handke („Publikumsbeschimpfung“). Ihre künstlerische Zusammenarbeit begann 1970 mit der Romanverfilmung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ und setzte sich etwa mit „Der Himmel über Berlin“ (1987) fort. Nun adaptiert Wenders Handkes 2012 veröffentlichtes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“. Während der Originaltext die Unterhaltung zwischen einem Mann und einer Frau protokolliert, verkompliziert Wenders den Stoff durch die Hinzufügung einer Autor-Figur zum autoreferentiellen 3D-Kunstfilm, der die künstlerische Produktion selbst thematisiert.

Webseite: www.dieschoenentagevonaranjuez-derfilm.de

OT: Les beaux jours d'Aranjuez
Frankreich, Deutschland, Portugal 2016
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders nach dem Theaterstück von Peter Handke
Darsteller: Reda Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave, Peter Handke
Länge: 97 Min.
Verleih: NFP marketing & distribution
Kinostart: 26. Januar 2017

FILMKRITIK:

Aktuell läuft der Dokumentarfilm „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ im Kino, der den Protagonisten, ein enfant terrible des deutschsprachigen Literaturbetriebs, bei der Arbeit in seinem Landhaus in Frankreich porträtiert. In „Die schönen Tage von Aranjuez“ sitzt nun ein Schriftsteller (Jens Harzer), der Handke auffallend ähnelt, in einem ähnlichen Haus irgendwo im Umland von Paris. Während er auf seine Schreibmaschine eintippt und den Frage-Antwort Dialog eines Mannes und einer Frau ersinnt, beobachtet er die beiden durch ein Fenster. Der Mann (Reda Kateb) und die Frau (Sophie Semin) sitzen in einem sommerlichen Garten und sprechen über Liebe und Sex, wobei der Mann Fragen stellt und die Frau antwortet. Sie berichtet von Affären und ihrer Suche nach männlicher Bestätigung, er lauscht aufmerksam und erinnert zwischendurch seine Kindheit.
 
Die ruhig geführte Kamera von Benoît Debie („Irreversibel“, „Spring Breakers“, aktuell „Die Tänzerin“) umkreist den Gartentisch, an dem sich die Gesprächspartner gegenüber sitzen. Im Hintergrund blüht es sommerlich, das Blätterrauschen der Bäume bestimmt die Tonspur, bis irgendwann ein Düsenjet über den Garten zischt. Warum Wim Wenders sein Veranda-Kammerspiel jedoch in 3D aufgenommen hat, erschließt sich nicht. Wo der 3D-Effekt in seiner Tanzdoku „Pina“ absolut sinnvoll erscheint („Pina“ ist überhaupt einer der seltenen Filme, in denen die dritte Dimension tatsächlich einen Mehrwert eröffnet), ergibt die neue Bildtiefe in „Aranjuez“ wenig Sinn. Wer die Wahl hat, kann getrost die Normalversion schauen.
 
Der Dialog zeichnet sich durch einen theaterhaft weltentrückten, monotonen Tonfall aus, der seine Künstlichkeit zur Schau stellt. Das erzeugt eine Distanz zu den Figuren, die eher als Textaufsager denn Charaktere fungieren. Als der Mann einmal durch den Garten läuft, erinnert die Frau an die Rahmenbedingung: „Hatten wir nicht vereinbart: keine Handlung, nichts als Dialog?“ Dass die Chemie zwischen Reda Kateb und Sophie Semin nicht knistert, liegt am künstlichen Rahmen. Beide sind schlicht der „Mann“ und die „Frau“, wobei verborgen bleibt, in welcher Beziehung sie stehen. Wenn der Mann der Frau einen Apfel zuwirft, deutet das vage einen „Sündenfall“ an.
 
Um den Mann und die Frau geht es letztlich gar nicht, sondern viel eher um die selbstreflexive Konstruktion, die Spiegelungen und Selbstverweise. Der Franzose Reda Kateb spielt einen in der Adaption neu hinzugefügten Autor, der Handke darstellen soll. Der Autor betrachtet die Figuren durch ein Fenster, das Wenders durch die Kameralinse betrachtet und das Publikum auf der Leinwand. Allerorten zwinkern selbstreferentielle Bezüge: Die Akteurin Sophie Semin ist im realen Leben mit Handke verheiratet, Handke selbst tritt kurz als Gärtner auf, der das Buschwerk in Form stutzt. Nach jedem Akt dröhnt Nick Cave aus der Jukebox, gegen Ende sitzt er plötzlich als Tagtraum da, dann ist er wieder verschwunden. Und drinnen auf dem Schreibtisch des Literaten ist die Szenerie mit dem Gartentisch und den Stühlen in klein nachgebaut. Das ist verschwurbelt, doch deswegen nicht interessant, sondern ziemlich öd.
 
Letztlich klaffen das Kino und das Leben aller Autoreferenzen zum Trotz weit auseinander: Thematisch ähnliche Unterhaltungen verfliegen im echten Leben im Nu – Altmeister Wenders zerdehnt anderthalb Stunden zur gefühlten Ewigkeit.
 
Christian Horn

Momentan räumt gerade zwar Maren Ade einen internationalen Filmpreis nach dem anderen ab, ansonsten blieb die Resonanz jüngerer deutscher Regisseure in den letzten Jahren jedoch meist auf Festivals und Cineasten beschränkt. Neben Werner Herzog ist es mit Wim Wenders ein weiterer Überlebender der 70er Jahre, der mit seinen Filmen international reüssiert. „Die schönen Tage von Aranjuez“ feierte im Wettbewerb von Venedig seine Premiere und ist dabei mit allen Stärken und Schwächen ein typischer Wenders.

Seit langem hat Wim Wenders seiner Heimat zumindest filmisch den Rücken gekehrt, dreht nur noch sporadisch in Deutschland, wo zumindest seine Spielfilme, ohnehin seit Jahren konsequent, manchmal hat man auch das Gefühl reflexartig verrissen, um nicht zu sagen verlacht werden. Was Schade ist, denn mit ihrem Hang zum Pathos mag Wenders zwar nicht mehr in unsere oft zynische Welt passen, doch gerade der Mut zu großen Emotionen macht seine Filme immer noch so besonders und ungewöhnlich was auch für „Die schönen Tage von Aranjuez“ gilt.

Der Film basiert auf einem kurzen Einakter seines langjährigen Freundes und gelegentlichen Mitstreiters Peter Handke, mit dem er „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ und vor allem „Himmel über Berlin“ drehte. Von Handlung kann kaum die Rede sein, es geht um eine  Frau (Sophie Semin) und einen Mann (Reda Kateb), die im Garten eines Haus in den Hügeln unweit von Paris sitzen und reden. Über das Leben und die Liebe, die Dinge des Lebens also, die im (französischen) Kino immer wieder umkreist wurden und sich auch wie Leitlinien durch das Werk von Wenders und besonders Handke ziehen.

Sind im Stück – das Handke für seine Lebensgefährtin Semin schrieb – nur das Paar, das vielleicht keins mehr ist oder nie eins war, zu sehen, erfindet Wenders für seine filmische Adaption einen Autor (Jens Harzer), der in der Villa des Gartens am Tisch sitzt, an der Schreibmaschine und nach Inspiration sucht. Ob das Paar im Garten nun real ist oder nur seiner Imagination entsprungen ist bleibt offen, unverkennbar ist der Autor jedoch als Alter Ego Handkes gedacht.

Hat man den vor wenigen Wochen im Kino zu sehenden Dokumentarfilm „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, das ich mich verspäte“ gesehen, werden diese autobiographischen Bezüge noch deutlicher: Unverkennbar sind die schweren Boots, die sowohl der Autor im Film, als auch Handke in der Dokumentation trägt, und auch das Haus unweit Paris, mit ausschweifendem, im Film betont paradiesisch wirkenden Garten, ähnelt dem Anwesen, das Handke seit Jahren bewohnt.

Ganz Wenders sind dagegen die punktierenden Musikstücke, deren Texte wie oft bei Wenders  sehr direkt das Geschehen auf der Leinwand kommentieren und doppeln, von Lou Reeds „Perfect Day“ bis zu Nick Caves „Into your Arms“. Das der australische Sänger einen zwar schönen, aber letztlich auch überflüssigen Kurzauftritt hat, könnte man gewiss als Wendersche Eitelkeit betrachten, der seinen alten Kumpel, der schon beim „Himmel über Berlin“ dabei war, während der Dreharbeiten traf und spontan zum mitwirken überredete. Andererseits deutet es die entspannte Arbeitsatmosphäre an, mit der Wenders im kleinen Team seinen Film drehte, der so unaufgeregt und leicht daherkommt, das die typisch Handkeschen Dialoge mit all ihren Bezügen und Abschweifungen allzu leicht unterschätzt werden können. Von der offensichtlichen Wucht seiner frühen Jahre hat sich Wenders inzwischen zwar verabschiedet, dass er aber immer noch ein ernstzunehmender, neugieriger Regisseur ist zeigen auch „Die schönen Tage von Aranjuez“ einmal mehr.

Michael Meyns