Die Sinfonie der Ungewissheit

Die Geheimnisse des Universums und der menschlichen Existenz auf die Leinwand zu bringen, ist eine schwierige Aufgabe. Insofern passt der unbestimmte, mäandernde Ansatz, den Claudia Lehmann bei ihrem essayistischen Dokumentarfilm „Die Sinfonie der Ungewissheit“ wählt, durchaus, macht ihn aber auch enigmatisch und hermetisch.

Webseite: www.facebook.com/DieSinfonieDerUngewissheit

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie: Claudia Lehmann
Buch: Claudia Lehmann & Konrad Hempel
Länge: 95 Minuten
Verleih: déjà-vu film
Kinostart: 7. November 2019

FILMKRITIK:

Bevor sie sich entschloss, Film zu studieren, promovierte Claudia Lehmann in Physik. Am Hamburger Forschungszentrum DESY – kurz für Deutsche Elektronensynchotron – war der Physikprofessor Gerhard Mack ihr Doktorvater und ist nun Hauptfigur in einem mäandernden, suchenden Dokumentarfilm. Mit der Kamera kehrt Lehmann ans DESY zurück, filmt in verwaschenen schwarz-weißen Bildern das Forschungszentrum, wo einer der größten Teilchenbeschleuniger der Welt zu finden ist, mit dessen Hilfe Wissenschaftler Antworten auf die großen Fragen des Universums suchen.
 
Auch Mack forschte bis zu seiner Emeritierung an der so genannten Theory of Everything, der Theorie von Allem oder schlicht und ergreifend Weltformel, mit der die sich widersprechenden Theorien des Makro- und des Mikrokosmos in Einklang gebracht werden sollen und so endlich verständlich wird, was im Moment des Urknalls passierte.
 
Doch selbst wenn es einem sehr klugen Kopf gelingen sollte, eine solche Theorie aufzustellen, die dann theoretischer Prüfungen standhält: Praktisch zu beweisen wird sie kaum sein, dafür wären Teilchenbeschleuniger nötig, die unvorstellbare Ausmaße haben, dafür wären Unmengen an Energie notwendig. Man müsste an so eine Theorie also glauben und an diesem Punkt kommen die Gesprächspartner ins Spiel, mit denen Lehmann Mack konfrontiert.
 
Da ist etwa die Shamanin Inadevi Fürstenau-Burgdorf, die auf spirituellem Weg nach Antworten sucht und sich in viel abstrakteren Sphären bewegt als der Physikprofessor. Oder der Filmemacher Hark Bohm, bei dem Lehmann studierte, der in seiner Kunst zwar ebenso wie Mack nach Antworten auf die großen Fragen sucht, sich im Gegensatz zu dem Wissenschaftler jedoch auch zufrieden gibt, wenn er keine konkreten Antworten findet.
 
Die Gespräche zwischen den Protagonisten sind einer der losen roten Fäden eines Films, der sich seinem ephemeren Thema vorsichtig nähert, ohne ihm wirklich nahe zu kommen. So wie die meisten Gespräche bald an den Punkt kommen, an dem die ganz unterschiedlichen Ansätze von Wissenschaftler, Shamanin oder Künstler zu unüberwindlichen Hindernissen werden, so bleiben auch andere Aspekte des Films mehr suchend, als findend.
 
Die Tonspur von Konrad Hempel etwa, der mit seiner Musikgruppe mit dem klangvollen Namen „Elementarstrategien“ auf dem Gelände des DESY musiziert, mal in dunklen, langen Gängen, mal in der Natur, mal auf Instrumenten spielt, mal auf Metallrohren trommelt. Sinfonie der Ungewissheit heißt eines dabei eines der Stücke, dass dem Film seinen Namen gab. Einen sehr persönlichen Film hat Claudia Lehmann gedreht, der deutlich vom Wunsch geprägt ist, ihre Professoren zusammenzubringen und zu versuchen, auch dem Publikum ein wenig davon zu vermitteln, was sie selbst bei ihren Lehrern gelernt hat.
 
Michael Meyns