Die Spur

Die Vorlage für Agnieszka Hollands vielschichtigen Film „Die Spur“ lieferte das Buch „Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk. Bei den Filmfestspielen in Berlin gefiel Hollands Adaption aufgrund der gelungenen Kombination verschiedener Genreelemente, darunter Detektivstory, moralischer Ökothriller, feministisches Märchen und Zivilisationskritik. Zusätzliche Bestätigung erfuhr das Werk durch den Alfred-Bauer-Preis, mit dem die Berlinale neue Perspektiven der Filmkunst würdigt. Polen schickt „Die Spur“ nun ins Rennen um die nächsten Oscars.

Webseite: www.diespur-derfilm.de

OT: Pokot
Polen/Deutschland/Tschechische Republik/Schweden/Slowakische Republik 2017
Regie: Agnieszka Holland
Darsteller: Agnieszka Mandat-Grabka, Wiktor Zborowski, Miroslav Krobot, Jakub Gierszal, Patricia Volny, Borys Szyc
Länge: 128 Minuten
FilmKinoText
Kinostart: 4.1.2018

FILMKRITIK:

Die früher bei weltweiten Projekten tätige Brückenbauerin Janina Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) ist entsetzt. Von heute auf morgen sind plötzlich ihre beiden Hündinnen, mit denen sie täglich über die Felder und Wiesen und durch die Wälder im Grenzgebiet Polens zur Tschechei streifte, spurlos verschwunden. Dass sie einfach von ihrem einsam am Rande eines Waldstücks gelegenen Zuhause weggelaufen sind, daran glaubt die schrullige Einzelgängerin nicht. Vielmehr vermutet sie einen Zusammenhang mit den in diesem Gebiet immer wieder stattfindenden Jagden. Denn diese waren und sind der engagierten Tierschützerin ohnehin ein ständiger Dorn im Auge, weswegen es in der Vergangenheit auch regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen ihr und der Jagd frönenden Bürgern, darunter Persönlichkeiten wie dem Bürgermeister, dem Polizeichef oder dem Besitzer einer Fuchsfarm, kam. Als aus dem Kreis der Hobbyjäger plötzlich Mordopfer zu beklagen sind, gehört auch Duszejko zu den Verdächtigen.
 
Was aber ist tatsächlich passiert? Und wer hatte dabei seine Finger im Spiel? Diesen Fragen spürt „Die Spur“ nun in spannenden zwei Stunden nach, wobei en passant auch andere Themenfelder gestreift und beleuchtet werden. Da geht’s unter anderem um die Rechte von vor allem wildlebenden Tieren – was in dem vom Jagdvirus erfassten Provinzdorf, wo fast das ganze Jahr über, so legen es die auf die saisonalen Jagdfreigaben verweisenden Kapitelüberschriften dieses Films nahe, Wildbeute gemacht werden darf. Selbst die Kirche, gemeinhin Fürsprecherin allen Lebens schlechthin, sieht im Fall der Jagd oder dem Einsperren von Tieren keinen Widerspruch, sondern rechtfertigt sich mit der Ordnung der Natur und dem Willen Gottes. Naheliegend, dass Tierschützerin Duszejko keine allzu hohe Meinung vom Pfarrer hat. Und konsequent auch, dass in Sachen „Kreislauf der Natur“ ein gewisser Aufräumprozess in Sachen posthumer Vergänglichkeit nicht ausgespart bleibt – mit Szenen dann allerdings, die in ihrer Detailversessenheit nicht unbedingt leicht auszuhalten sind.
 
Dass es im Dorf ganz besondere und vor allem engstirnige Köpfe hat, die sich mehr den eigenen Interessen statt dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen, das bekommt Duszejko auch auf anderen Ebenen zu spüren. Zum Beispiel, wenn sie sozial schwache Nachbarn und Außenseiter, die ihrerseits unter den patriarchal geprägten Strukturen des Dorfes zu leiden haben, unterstützt.
 
Fesselnd an „Die Spur“ ist nun neben der am Anfang stehenden Suche nach dem Verbleib der Hunde, auf welche Art und Weise das Schicksal bei den diversen Toten zugeschlagen hat. Konkrete Hinweise gibt Agnieszka Holland wohl dosiert. Die Tatsache, dass Duszejko auch noch eine Vorliebe für Astrologie und damit ein Faible für gerne auch seltsame Theorien hat, macht die Sache mit der Wahrheitsfindung für den Zuschauer zwar nicht leichter, sorgt aber doch dafür, dass man immer wieder schmunzeln darf. Ja, überhaupt, der Humor: inmitten der eher düsteren Story tut er doch ausgesprochen gut, ebenso wie ein kleiner romantischer Nebenstrang.
 
Zum Aspekt der „neuen Perspektive der Filmkunst“, auf die nach dem ersten Leiter der Berlinale, Alfred Bauer, benannten Silbernen Bären verwiesen wird, ist hervorzuheben, dass „Die Spur“ Spannung auch über die Ästhetik von Kameraführung (Jolante Dylewska, Rafal Paradowski), Schnittsetzung (Pavel Hrdlicka) und Filmmusik (Antoni Komasa-Lazarkiewicz) erzeugt. Trommeln, Perkussion und Streicher untermalen die innere Unruhe und das Aufgewühltsein der Hauptfigur, ihr Anschwellen steigert die Spannung.
 
Darüber hinaus kommt die Vielschichtigkeit von „Die Spur“ auch durch das in die Handlung eingewobene symbolische Gedicht „The Mental Traveller“ über eine gefallene Natur von William Blake zum Ausdruck. In ihm setzt sich der englische Dichter mit den Zyklen und Transformationsprozessen von der Geburt, dem Wandel zu etwas Schönen, dem Verderben und schließlich der Entstehung von etwas Neuem auseinander. Und so ist es auch in diesem Film: ob Mensch, Tier oder Natur – alles unterliegt einem Wandel oder steht im Spannungsfeld zwischen gezähmt werden oder verteufelt sein. Wer mag, kann „Die Spur“ deshalb auch als Kommentar einer weltoffenen Generation auf das Erstarken traditioneller Wertorientierung nicht nur in Polen, sondern auch anderen europäischen Ländern, sehen.
 
Thomas Volkmann