Die Tänzerin

Mit ihrer Ode an Kreativität und Durchhaltevermögen setzt die französische Regisseurin Stéphanie Di Giusto der Pionierin des modernen Tanzes und Jugendstil-Ikone Loïe Fuller ein mitreißendes, filmisches Denkmal. Ihr Regiedebüt glänzt nicht zuletzt mit der sinnlichen Präsenz ihrer Hauptdarstellerin Soko, einer jungen französischen Schauspielerin und Post-Punk Sängerin aus Bordeaux. Sie verkörpert den Zauber der modernen Rebellin, ihren Wirbel aus Bewegung, Farbe und Licht, grandios. Wenn sie sich auf der Bühne dreht und tanzt erlebt der Zuschauer die großen, atemberaubenden Momente dieses bahnbrechenden Tanzstils der faszinierenden Choreographin.

Webseite: www.taenzerin-derfilm.de

Frankreich, Tschechien, Belgien 2016
Regie: Stephanie di Giusto
Drehbuch: Stéphanie Di Giusto, Sarah Thibau
Darsteller: Soko, Lily-Rose Depp, Gaspard Ulliel, Mélanie Thierry, François Damiens, Louis-Do de Lencquesaing, Amanda Plummer, Denis Ménochet.
Kamera: Benoît Debie
Länge: 112 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 3. November 2016

Pressestimmen:

"…mit atemberaubenden Tanzszenen. Sehenswert."
ZDF HEUTE JOURNAL

FILMKRITIK:

Sie begeistert die bedeutendsten Künstler ihrer Zeit. Allen voran Maler und Grafiker Toulouse-Lautrec, der eine Serie wunderbarer Lithografien nach ihrem Bild kreiert: Die Tanz-Ikone der letzten Jahrhundertwende Loïe Fuller. Ihr furios schwingendes, wallendes Kostüm wird zum zentralen Ornament des aufkommenden Jugendstils. Designer wie Lalique verwenden Motive aus ihren Tänzen für Lampenfüße, Glasfenster und Gebäudeschmuck. Die Amerikanerin avanciert zum Pop-Idol der Belle Epoque und steht Pate für die Kühlerfigur des Rolls Royce.
 
Nach einem spektakulären Debüt im Pariser Theater Folies-Bergére macht ihr magischer Serpentinentanz Furore. Sie hüllt sich in einen überdimensionierten weißen Umhang aus Crepe de Chine, zusammengenäht aus lauter Dreiecken. Den Bewegungsradius der Arme verlängert sie künstlich mit langen, sehr leichten Bambusstäben. Die Stäbe befestigt sie im Innern des Mega-Schleiers. So können die Arme die Stoffmassen bewegen. Über vier Meter hoch lässt sie die Stoffe in den Bühnenhimmel steigen Das Publikum sieht weit mehr als eine choreographische Variante. Es sieht eine Revolution.
 
Diese teilweise rasant geschnittenen Szenen zählen zu den Höhepunkten der mitreißenden Hommage von Regisseurin Stéphanie Di Giusto. Wenn sich Loïe Fuller (Soko) in Leinen oder später in filigrane Stoffe gehüllt, auf der Bühne dreht, tanzt und ihr atemberaubendes, orgiastisches Lichtschauspiel beginnt, erlebt der Zuschauer die großen Momente dieser fast in Vergessenheit geratenen Pionierin des modernen Tanz. Denn der gefeierte Star des Art Nouveau verweigert den Spitzenschuh, befreit den Körper der Frau und schafft auch ein neues Bild von Weiblichkeit.
 
Eindrucksvoll zeigt das sehenswerte, nicht total biographische, Drama wie sich die moderne Rebellin an die Spitze der Tanzszene kämpft. Die Tochter des französischen Rodeoreiters und Goldsuchers Ruben (Denis Ménochet) wirkt zwar auf den ersten Blick etwas spröde. Doch sie findet ihren Weg und lässt sich nach dem spektakulären Tod ihres Vaters auch von ihrer Mutter (Amanda Plummer), einer puritanisch-strengen Frau, nicht bremsen. Ahnungslos hilft ihr der unglücklich in sie verliebte französische Dandy Louis Dorsay (Gaspard Ulliel). Mit seinem Geld bricht sie zu neuen Ufern auf, um in Paris ihr Glück zu versuchen.
 
In Gabrielle (Mélanie Thierry), der Assistentin des Direktors Marchand (François Damiens) von „Folies Bergère“, findet sie eine leidenschaftliche Mitstreiterin. Sie weicht Loïe bald nicht mehr von der Seite und arbeitet nur noch für sie. Aber Loïe verliebt sich in Isadora Duncan (Lily-Rose Depp), die junge amerikanische Tänzerin, die barfuß auftritt und wie sie das Korsett ablegt. Die erotische aufgeladene Lehrerin-Schülerin-Beziehung bleibt schwierig und kostet sie freilich beinahe ihren Ruhm.
 
Die aufwändige Inszenierung reflektiert detailgetreu eine durch Bewegung definierte Epoche, bevor das Kino erfunden ist. Dass die Avantgardistin in Wahrheit keine Liason mit der feministischen Isadora Duncan wollte, sondern Gab Sorère ihre Lebensgefährtin war, tut dem Filmgenuss keinen Abbruch. Denn Hauptdarstellerin Stephanie Sokolinski, genannt Soko, die junge französischen Schauspielerin und Post-Punk Sängerin aus Bordeaux, verkörpert den Zauber der modernen Rebellin, ihren Wirbel aus Bewegung, Farbe und Licht, grandios.
 
Das ist nicht ihre erste Rolle in der sie hervorragend starke weibliche Charaktere porträtiert. Bereits für den Film „In the Beginning“ wurde sie mit dem renommierten César Award als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet, Als traumatisierte Soldatin, die sich in einem Ferienresort vom Afghanistaneinsatz erholen soll, stand die 31jährige in dem Anti-Kriegsfilm „The Stopover“ vor der Kamera. In Spike Jonzes „Her“ lieh sie einem sexy Roboter ihre Stimme. Aber auch Lily-Rose Depp, die zierliche Teenietochter von Hollywoodstar Johnny Depp und Vanessa Paradis macht in ihren Tanzposen eine gute Figur.
 
Entdeckungsfreudig interessierte sich Loïe Fuller, das gefeierte Idol der Pariser Kunstszene, selbst für das neue Medium Film. Ihr Debüt „Le Lys de la vie“, zählen Cineasten zum „cinema pur", wie es von Marcel Duchamps, Man Ray und René Clair propagiert wurde. Clair spielt gar die Hauptrolle in der ersten Regiearbeit der avantgardistischen Tänzerin.

Luitgard Koch