Die Temperatur des Willens

Schon der Name der Glaubensgemeinschaft hört sich martialisch an: Legionäre Christi, eine erzkonservative Ordensgemeinschaft, die sich stark in der Kinder- und Familienseelsorge engagiert – und vor einigen Jahren von einem Missbrauchsskandal erschüttert wurde. Wie die Ordensgemeinschaft damit umgeht, wie sie missioniert und ihren Platz in der Moderne sucht, ergründet Peter Baranowski in seiner Dokumentation „Die Temperatur des Willens.“

Webseite: www.eksystent.com/temperaturdeswillens.html

Dokumentation
Deutschland 2017
Regie: Peter Baranowski
Länge: 99 Minuten
Verleih: eksystent
Kinostart: 22. März 2018

FILMKRITIK:

Eine gute halbe Stunde lang sind in Peter Baranowskis Dokumentarion „Die Temperatur des Willens“ vergangen, Minuten, in denen man oft junge Menschen beim Religionsunterricht beobachtet hat, bei Aktionen, die wie Klassenfahrten aussehen, ein buntes, lustiges Zusammensein von Jugendlichen, da blendet der Regisseur zum ersten und einzigen Mal Schrifttafeln ein. In ihnen erfährt man, dass der Gründer des Ordens, der Mexikaner Marcial Maciel, seine Machtposition jahrzehntelang benutzt hat, um Kinder und Jugendliche zu missbrauchen, ein Verbrechen, dass dem Vatikan schon zu Lebzeiten Maciels bekannt war, aber erst nach dessen Tod 2008 untersucht wurde. Durch diesen Einschub bekommen die vorhergehenden Szenen eine deutlich sinistere Note, wirken sie wie die Vorbereitung von Missbrauch, wirken die Predigten von Moral und Anstand umso verlogener.
 
Nicht leicht dürfte es für Peter Baranowski gewesen sein, zu entscheiden, wie deutlich er auf den Missbrauch eingehen wollte, auf die Konsequenzen, die innerhalb der Ordensgemeinschaft gezogen wurden (oder auch nicht), auf den Umgang der Priester mit der Erkenntnis, dass ihr Leiter ein Verbrecher war. Denn Baranowskis Bruder ist Mitglied der Gemeinschaft, erst dieser Kontakt ermöglichte überhaupt Dreharbeiten hinter den Kulissen des Ordens, der in diesem Film vielleicht auch die Möglichkeit sah, sich in einem rosigerem Licht zu präsentieren.
 
Das Ergebnis ist jedoch nicht unbedingt dazu angetan, große Sympathien für die Ordensgemeinschaft zu wecken, denn auch wenn sich Baranowski weiterer Kommentare entsagt, reicht sein zurückhaltender Blick auf Strukturen und Riten, um Befremden auszulösen. Nicht wegen der religiösen Haltung, dem Versuch, jungen Menschen Halt zu geben, vielleicht auch Antworten auf die großen Fragen der Menschen, dem warum und wieso. Sondern vielmehr wegen der sektenähnlichen Strukturen, den befremdlich anmutenden Dogmen, den Missionierungsversuchen an Kleinstadthaustüren, in denen überraschten Bewohnern brüsk vorgehalten wird, dass sie doch gewiss Sünden zu beichten hätten und ohne christlichen Beistand unweigerlich in Fegefeuer enden werden.
 
Wie eine moderne Kirche wirkt dies ganz und gar nicht, stattdessen wie eine dogmatische, von starren Regeln und Strukturen geprägte Organisation, die keinen Zweifel und Selbstzweifel duldet. Dass da der Umgang mit den Verbrechen des Ordensgründers nicht gerade offensiv diskutiert wird überrascht wenig. Bezeichnend, mit welch verbalen Volten zwei Brüder im Gespräch versuchen, zwischen den Verbrechen des Gründers und seinen Lehren zu unterscheiden, versuchen, sich damit zu beruhigen, dass sie den Gründer eigentlich ja nie getroffen haben, sie auch selbstverständlich von nichts gewusst haben.
 
Unabhängig davon, wie sehr es Peter Baranowski tatsächlich darauf angelegt hat: Seine Dokumentation „Die Temperatur des Willens“ entlarvt auf eindrucksvolle, auch erschreckende Weise rigide Strukturen, in denen Missbrauch passieren kann.
 
Michael Meyns