Die Trapp-Familie – Ein Leben für die Musik

Die legendäre Geschichte der weltberühmten singenden Trapp-Familie neu erzählt aus der Sicht der ältesten Tochter – und produziert mit Blick auf den amerikanischen bzw. internationalen Markt. Trotz idyllischem Alpenpanorama samt Brauchtum und Tracht entkommt sie großteils dem Kitsch. Die auf den ersten Blick operettenselige Inszenierung der verarmten österreichischen Adelsfamilie, die vor den Nazis in die USA flüchten musste, entpuppt sich als moderne Coming-of-Age Story rund um die Konflikte einer Patch-Work-Familie. Nicht zuletzt beleuchtet die Neuverfilmung auch die dunkle NS-Vergangenheit mit ihren verführerischen Versprechungen für die kleinbürgerliche Unterschicht. Basierend auf den Memoiren der ältesten Trapp-Tochter Agathe überrascht Sängerin Yvonne Catterfeld als Stiefmutter Maria mit spielerischer Bestform.

Webseite: www.the-trapp-family.com

Deutschland, Österreich 2015
Regie: Ben Verbong
Drehbuch: Christoph Silber, Timm Sullivan
Darsteller: Rosemary Harris, Matthew Fadyen, Eliza Bennett, Yvonne Catterfield, Cornelius Obonya.
Länge: 95 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 12. November 2015
 

FILMKRITIK:

In den USA und Großbritannien genießt der Film „The Sound of Music“ aus dem Jahre 1965 absoluten Kultstatus. Der mit fünf Oscars ausgezeichnete Streifen zählt heute zu den meist gesehenen Werken der Filmgeschichte. Regisseur Ben Verbong („Das SAMS“) unterzog die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte der musikalischen Trapp Familie einer dramaturgisch entstaubten Frischzellenkur. Obwohl ein wesentliches Element dabei nach wie vor die Musik ist, liefert er mitnichten beschauliches Sentiment, die ins Pathetische abdriftet.  Diesmal werden auch klassische Kunstlieder, wie „Die Forelle“ von Franz Schubert, gesungen. Opernsängerin Annette Dasch schlüpft in die Rolle der berühmten Sopranistin Lotte Lehmann, die das Chorgesangstalent der Familie einst erkannte und förderte.

Doch im Mittelpunkt steht nun die Geschichte der musikalisch begabten Agathe von Trapp (Eliza Bennett). Seit dem frühen Tod der Mutter übernimmt sie als älteste Tochter unter sechs Geschwistern mehr Verantwortung als ihr guttut. Es fällt ihr schwer ihren eigenen Weg zu finden. Besonders die Beziehung zu ihrem geliebten Vater, dem angesehenen k. u. k. Marineoffizier Georg von Trapp (Matthew Macfadyen) und zu ihrer Stiefmutter Maria (Yvonne Catterfield) ist nicht immer einfach. Viele Jahre später in der neuen amerikanischen Heimat erzählt die ältere Agathe von Trapp (Rosemarry Harris) ihrer jungen Nichte Kirsty (Laryn Canny) in einer langen Rückblende von dieser anfangs märchenhaften Kindheit und den späteren Schicksalsschlägen. Fast wie Agathe damals steht Kirsty am Scheideweg und muss eine Entscheidung treffen für oder gegen ihre Patch-Work-Familie.

Nach dem Tod ihrer Mutter findet Agathe vor allem Trost bei ihrem Jugendfreund Sigi (Johannes Nussbaum). Der aufgeweckte Druckerlehrling erkennt schon sehr bald den Beginn des drohenden Faschismus. Agathe hingegen ist emotional noch zu sehr mit der Ablehnung ihrer Stiefmutter beschäftigt. Aus Trotz hat die talentierte Sängerin sogar die Musik aufgegeben.  Als sie zur Besinnung kommt, muss sie freilich erleben wie ihr Vater die Gefahr nicht wahrhaben will. Als altgedienter Marineoffizier und Monarchist glaubt er sich vor Anfeindungen geschützt. Auffahrend beharrt er auf seiner Ehre. Im Augenblick des Zusammenbruchs kämpft er am Vorabend des Anschlusses an Hitler-Deutschland vehement vergeblich ums Verlorene. Doch sein scheinbar loyaler Chauffeur Konrad (Cornelius Obonya) hat längst die Seiten gewechselt, um beim Aufstieg der Nazis zu profitieren.

In der familientauglichen, warmherzigen Coming-of-Age-Geschichte werden die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe nicht ausgeblendet. Perfekt verkörpert der uneitele Theaterprofi Cornelius Obonya diese dunkle Seite. Wenn man von jemandem behaupten kann, die Schauspielerei wurde ihm in die Wiege gelegt, dann sicherlich von dem „Jedermann-Darsteller“. Der gebürtige Wiener ist ein Spross des Hörbiger-Clans, der wohl berühmtesten Theaterdynastie Österreichs. Seine Großeltern waren die legendären Burgschauspieler Attila Hörbiger und Paula Wessely. Authentische Präsenz zeigt auch der junge Niederösterreicher Johannes Nussbaum, einer der viel versprechenden Shootingstars. Selten überzeugen Schauspieler gleich zu Beginn ihrer Karriere mit so viel Natürlichkeit wie der 20jährige Wiener, der optisch an eine Mischung zwischen Mathias Schweighofer und Robert Stadlober erinnert.

Last but not least überzeugt aber auch das stimmige Spiel von Yvonne Catterfeld. Ihre Vorgängerin in der Rolle, Oscarpreisträgerin Julie Andrews, erstürmte einst in „The Sound of Music“ das Publikum. Wenn sie als Maria mit sieben blitzsauberen Kindern im Salzburger Land über die bunten Almwiesen hüpfte und dazu im Chorgesang die Tonleiter übte („Do-Re-Mi“), wirkt das heute rein optisch wie „Milka“ hoch „Bärenmarke“ im Quadrat. Nicht umsonst erklärte Regisseur Ben Vorberg der 35jährigen vor dem Dreh: „Finde einfach deine eigene Figur und vergiss, was du gesehen hast“. Und das ist dem ehemaligen Daily-Soap-Star und deutschen Stern am Pop-Himmel auch meisterhaft gelungen. Da ist nichts verhuscht Sentimentales, noch Rehäugiges.

Luitgard Koch